«Der Streit um das Gedicht ist letztlich eine gewalttätige Absage an die Religion»

Das Gedicht des bolivianisch-schweizerischen Dichters Eugen Gomringer auf der Fassade einer Berliner Hochschule wurde wiederholt als sexistisch kritisiert. Nun äusserte sich dessen Tochter dazu. Sie lese das Gedicht theologisch.

Bedeutung umstritten: Steht «avenidas» in «patriarchaler Kunsttradition» oder ist es ein «Dank an Gott»? (Bild: Wikimedia/OTFW/cc by-sa 3.0)

Im Streit um den Umgang mit dem als sexistisch kritisierten Gedicht von Eugen Gomringer hat die Tochter des Schriftstellers das Werk verteidigt. «Ich habe ‹avenidas› immer theologisch gelesen – als einen Dank an Gott», sagte Nora Gomringer in der Berliner Zeitung vom 12. Februar.

Der Bezug zur Religion sei den Gedicht-Kritikerinnen aber wahrscheinlich «auch wieder lästig», sagte Gomringer. «Mit einem Gott, dem Strassen, Blumen und Frauen ihre Existenz verdanken, wollen sie nichts zu tun haben. Ich glaube, der ganze Streit um das Gedicht ist letztlich eine gewalttätige Absage an die Religion, an die Existenz Gottes in der irdischen Wirklichkeit.»

Patriarchale Tradition oder religiöses Staunen?

Vordergründig werde mit dem Streit um das Gedicht ein Geschlechterkampf ausgetragen. Nora Gomringer zufolge ist«avenidas» dagegen «ein staunendes Betrachten, das Abstand hält – und ist eigentlich eine religiöse Kategorie».

Das Gedicht des bolivianisch-schweizerischen Künstlers «avenidas» ziert seit 2011 eine Aussenmauer der Alice Salomon Hochschule in Berlin. Die spanische Originalfassung entstand 1953 und lautet übersetzt: «Alleen / Alleen und Blumen / Blumen / Blumen und Frauen / Alleen / Alleen und Frauen / Alleen und Blumen und Frauen und / ein Bewunderer».

Studierende der Fachhochschule hatten wiederholt eingewandt, das Werk reproduziere eine «klassische patriarchale Kunsttradition, in der Frauen ausschliesslich die schönen Musen sind, die männliche Künstler zu kreativen Taten inspirieren». Zudem erinnerten die Verse «unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen alltäglich ausgesetzt sind».

Gedicht weg, Kritik bleibt

Der Senat der Hochschule beschloss Ende Januar, das Gedicht übermalen zu lassen und im Herbst durch Verse der Dichterin Barbara Köhler zu ersetzen. Die Entscheidung hatte teils scharfe Kritik ausgelöst. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) bezeichnete sie als «erschreckenden Akt der Kulturbarbarei». Kunst und Kultur bräuchten den Diskurs, betonte Grütters: «Wer dieses Grundrecht durch vermeintliche ‹political correctness› unterhöhlt, betreibt ein gefährliches Spiel.» Ähnlich äusserte sich die Akademie der Künste, deren Mitglied Gomringer ist. (epd)