Ruth Epting: eine Freundin der Menschen

Am 16. Juni starb Ruth Epting im Alter von 97 Jahren. Sie war eine der ersten Pfarrerinnen in der Schweiz und engagierte sich zeitlebens für die Frauen in der Kirche. Ein Nachruf von Carla Maurer, Pfarrerin an der Swiss Church in London.

Ruth Epting (Mitte) mit Carla Maurer (links) und Esther Zehntner.
Ruth Epting (Mitte) mit Carla Maurer (links) und Esther Zehntner. (Bild: Carla Maurer)

Längst prägen Frauen das Gesicht der reformierten Kirche in der Schweiz mit. Zu verdanken ist das auch Ruth Epting, die in den 60er-Jahren zu den ersten Pfarrerinnen des Landes gehörte. Ihr ganzes Leben widmete sie der Stärkung der Frauen, gegen alle Widerstände und über kulturelle sowie geografische Grenzen hinweg. Dafür wurde Ruth bekannt, dafür wurde sie geachtet.

Dabei hatte zu Beginn ihres Lebens nichts auf diesen Weg hingedeutet. Ruth wuchs als jüngstes von fünf Geschwistern im Basler Missionshaus auf, eine höhere Bildung war für sie eigentlich nicht vorgesehen. Das änderte sich erst während des Zweiten Weltkriegs, von dem die deutsche Familie Epting unmittelbar betroffen war.

Studium in Basel bei Karl Barth

Nachdem einer ihrer Brüder an der russischen Front gefallen war, erlaubte ihr der Vater, in dessen Fussstapfen zu treten und Theologie zu studieren. Dies tat Ruth am Zentrum der Bekennenden Kirche in Berlin und bei Karl Barth in Basel. Gleichzeitig pflegte sie ihre schwerkranke Mutter. Das Schicksal der Kriegsflüchtlinge bekam sie zudem auf einer Schiffsreise nach Amerika hautnah mit. «Flüchtling sein tut weh, unendlich weh. Es ist, wie wenn eine Wunde immer offen bliebe und täglich schmerzt», schrieb sie 1960 in einer Predigt.

Nach ihrer Ordination 1947 arbeitete Ruth als Gemeindehelferin, bis die Basler Kirche 1960 erstmals Frauen in den Pfarrdienst aufnahm. Für Pfarrerinnen galt damals der Zölibat, und so blieb Ruth ihr Leben lang ledig. 1982 gründete sie das Ökumenische Forum Christlicher Frauen in Europa und förderte so die Partizipation von Frauen in der europäischen Ökumene.

Pionierin und Mentorin

Ruth war das Aufhebens um ihre Person nie ganz recht. Gleichzeitig war sie sich ihrer Rolle als Pionierin und Mentorin bewusst und akzeptierte sie als Teil ihrer Berufung bis an ihr Lebensende. Konflikten begegnete sie mit ihrer ausserordentlichen Fähigkeit zur Versöhnung. Sie war eine Zuhörerin und sah im Zuhören den Weg zum Frieden. «Als Pfarrerin soll man den Menschen Freundin sein», hat sie einmal gesagt. Und als diese Freundin werden wir Ruth vermissen.

 

Aus dem Magazin Bref, Nummer 12/16