Den Staat in den interreligiösen Dialog einbinden

Die Schaffhauser Religionsgemeinschaften haben die «Schaffhauser Erklärung» lanciert. Zusammen mit dem Staat verpflichten sie sich zu verstärkter Zusammenarbeit für ein friedliches Zusammenleben. Gemäss Regierungsrat Christian Amsler nimmt sein Kanton damit schweizweit eine Vorreiterrolle ein.

Vertreter von Religionen und Staat setzen ihre Unterschrift unter die «Schaffhauser Erklärung». (Bild: Peter Leutert)

Im grossen Saal der ehrwürdigen Schaffhauser Rathauslaube herrschte buntes Treiben: Frauen, Männer und Kinder aus aller Herren Länder plauderten miteinander und suchten einen der letzten freien Sitzplätze im vollen Saal.

Die Gäste feierten das Zehn-Jahre-Jubiläum des «Interreligiösen Dialogs». Aus diesem Anlass kamen die Vertreter der Schaffhauser Stadt- und Kantonsregierung und der verschiedenen Religionsgemeinschaften zusammen, um die «Schaffhauser Erklärung» zu unterschreiben. Gerade in der Fremde sei die Religion eine Heimat, sagte Pfarrer Markus Sieber vom «Interreligiösen Dialog».

Im Lauf des Abends stellten sich die Vertreter der religiösen Gruppierungen vor: Angehörige der muslimischen und jüdischen, der tibetischen und der Gemeinschaft der Baha’i sowie der Eritreisch-Orthodoxen Kirche, der Evangelischen Allianz, der Katholischen und der Reformierten Landeskirche

 

Bestattung löste Diskussion aus

Vor zehn Jahren löste die Frage um die Bestattung eines jungen Kurden auf dem Schaffhauser Waldfriedhof eine Diskussion aus, die zur Bildung einer Arbeitsgruppe führte. Vertreter verschiedener Religionsgemeinschaften begannen damit, einen interreligiösen Dialog zu führen, um Antworten auf die vielen anstehenden Fragen zu finden und um Lösungsansätze zu suchen.

In den vergangenen Jahren seien die Probleme wegen der Radikalisierung um ein Vielfaches umfassender und brisanter geworden, sagte Markus Sieber. Im Kanton Schaffhausen leben heute Menschen aus 121 Nationen. In der Schweiz ist die «Religionsfreiheit» verfassungsrechtlich garantiert. Der Kanton hat die Aufgabe, die Rahmenbedingungen für das gute Zusammenleben von Menschen und Gemeinschaften unterschiedlichen Glaubens zu schaffen.

 

Broschüre für den Unterricht

Anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Arbeitsgruppe «Interreligiöser Dialog» werden nun in Schaffhausen verstärkt die staatlichen Organe in den Dialog einbezogen. Dafür hat die Arbeitsgruppe die «Schaffhauser Erklärung 2016» erarbeitet und in einer Broschüre zusammengefasst, die innerhalb der Religionsgemeinschaften und für den Unterricht verwendet werden soll. Die Vertreter der politischen Organe sowie der Religionsgemeinschaften bekunden darin ihren Willen, gemeinsam über das Verhältnis von Religion und Politik nachzudenken.

 

«Gegen Gewalt im Namen der Religion»

Die Erklärung umfasst fünf Punkte. Man schätze die Religionsfreiheit, heisst es, und anerkenne die Verfassung, «die freiheitlich demokratische Rechtsordnung». Die unterzeichnenden Religionen verpflichten sich «die Traditionen» zu achten, und wollen sich «am Aufbau der Gesellschaft» beteiligen. Sie wollen «die Vielfalt der Kulturen, Religionen und Meinungen» respektieren: «Wir sehen darin eine Bereicherung und sind offen für Kontakte mit anderen.» Im letzten Punkt sprechen sie sich «gegen jede Gewalt im Namen der Religion» aus und versichern, alles zu fördern, «was dem Frieden dient».

 

Signal setzen für andere Kantone

Das Grundlagenpapier soll zu mehr Verbindlichkeit führen und in den kommenden Jahren weiterentwickelt werden. Der Schaffhauser Regierungsrat und Kirchenminister Christian Amsler betonte, dass der Staat trotz der Trennung von Kirche und Staat für ein friedliches Zusammenleben die Verantwortung trage. Die Schaffhauser Gesamtregierung habe die Erklärung deshalb gutgeheissen. Der Kanton Schaffhausen nehme durch diese Haltung schweizweit eine Vorreiterrolle ein. «Darauf dürfen wir stolz sein», so Amsler. «Wir hoffen, damit auch für andere Kantone Signale zu setzen.» «Wir möchten die religiöse und kulturelle Vielfalt in unserem Kanton als Chance sehen und nicht als Problem», ergänzten der Integrationsbeauftragte Kurt Zubler und Stadtrat Simon Stocker.

 

Adriana Schneider / Kirchenbote
Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».