Mein erster Auftrag als Kirchenjournalist führte mich an den Ökumenischen Kirchentag 2010 in München. An viele Höhepunkte des Programms kann ich mich nicht erinnern. Gab es meditative Kreistänze? Ein Podium über alternative Lebensformen in der Bibel? Einen Sitzstreik gegen die Braunkohle? Ich weiss es nicht mehr. Aber eines ist mir in Erinnerung geblieben: Die Stadt trug fünf Tage lang Orange. Sogar der deutsche Bundespräsident hatte einen gleichfarbigen Schal um den Hals. Zum Abschlussgottesdienst kam ein Menschenmeer auf der Theresienwiese zusammen, wo sonst die Bierzelte des Oktoberfests stehen, und sang gegen den Regen an. Ich gebe zu: Es war ein erhebendes Gefühl, Teil dieser Masse zu sein.
Willkommen im Eventzeitalter
Nächste Woche ist es wieder so weit. Wieder ist Kirchentag, nicht ökumenisch zwar, sondern evangelisch, diesmal in Stuttgart, und wieder werden hunderttausend Dauergäste erwartet. Da stellt sich die Frage: Wie schafft es eine Kirche, die seit langem Rückzugsgefechte kämpft, alle paar Jahre eine derartige Anziehungskraft zu entfalten? Vielleicht, indem sie genau das tut, was sie ansonsten gerne vermeidet. Die grosse Geste wagt. Die Kräfte bündelt. Den Laien das Ruder überlässt. Die Prominenten hofiert. Einen Event schafft. Davon könnten wir auch in der Schweiz manches lernen. Doch leider gibt es hier keinen solchen kirchlichen Grossanlass, der mit Sicherheit in den abendlichen Hauptnachrichten landet.
Woran liegt das wohl? Am schweizerischen Reflex gegen alles Massenhafte oder am reformierten Reflex gegen alles Unintellektuelle? Wie auch immer: Schade ist es drum. Wir reden oft davon, die Kirche müsse zu den Menschen gehen. Doch an einem deutschen Kirchentag lässt sich beobachten: Die Menschen kommen eigentlich ganz von selbst, wenn man ihnen einen Grund dazu gibt, ein Ereignis beispielsweise, das aus der Menge ihrer Möglichkeiten zur Wochenendgestaltung herausragt. Dies scheint die evangelische Kirche in Deutschland ebenso begriffen zu haben wie die katholische Kirche in Rom, die als Grossveranstalterin eigentlich nur noch vom Weltfussballverband übertroffen wird.
Das Einmaleins des Erfolgs
In unseren Landeskirchen hingegen meidet der kritische Geist die Anbiederung an die Masse und nimmt lieber deren Trägheit als naturgesetzlich an, wenn sie einfach zuhause bleibt. Dabei bräuchte es aus schweizerisch-reformierter Sicht gar nicht unbedingt gleich einen nationalen Kirchentag, wie ihn der Kirchenbund jüngst vorgeschlagen hat, oder Gottesdienste in vatikanischen Dimensionen. Es würde schon helfen, sich ab und zu bewusst zu machen: Falls wir wahrgenommen werden wollen, sollten wir weniger tun, aber das grösser. Denn nichts zieht Menschen mehr an als andere Menschen. Müssten wir verkaufen, was wir zu verschenken haben, hätten wir diesen Schritt längst getan.
Dieser Kommentar erschien erstmalig in der «Reformierten Presse» vom 29. Mai 2015.