Armutsbekämpfung
«Niemand soll sich schämen, arm zu sein»
Herr Künzler, Sie sind Geschäftsführer der Caritas-Märkte. Bereits zum vierten Mal in Folge ist mehr verkauft worden als im Vorjahr. Was sagt der Rekord über die soziale Situation in der Schweiz aus?
Die Schere zwischen arm und reich wird immer grösser. Armutsbetroffene haben immer weniger zur Verfügung, es wird immer knapper. Gründe dafür sind zum Beispiel steigende Krankenkassenprämien, steigende Mieten, die Teuerung. Den Mittelstand schränkt das nicht so ein, aber die Armutsbetroffenen schon. Unseren Kunden geht noch früher im Monat das Geld aus. Das spüren wir.
Wer kauft bei Ihnen ein?
Zu uns kommen Working Poor, also Menschen, die trotz mehreren Jobs nicht genug zum Leben haben. Zudem zählen mehr ältere Menschen zu unseren Kunden. Sie hatten früher eine Hemmschwelle, jetzt sind die Ausgaben höher und es bleibt weniger Geld, also kommen sie. In unsere Läden kommen übrigens nicht mehr Migranten oder Flüchtlinge als in den vergangenen Jahren, obwohl sie bei uns einkaufen dürften.
In den Caritas-Märkten wurden vor allem mehr Früchte und auch mehr Gemüse verkauft. Worauf führen Sie das zurück?
Sich gesund zu ernähren, ist schwierig für Armutsbetroffene. Sie wollen sich möglichst günstig ernähren und das bedeutet häufig nicht nährstoffreich. Früchte und Gemüse sind ihnen zu teuer. Je günstiger ein Produkt ist, desto eher greifen die Kunden zu.
Haben Sie die Waren folglich günstiger angeboten?
Wir haben die Preise für Früchte und Gemüse um rund fünf Prozent gesenkt, damit sie mehr gekauft werden. Wir wollen die Kunden aber nicht bevormunden. Jede Kundin darf selbst entscheiden, was sie möchte. Wenn jemand Schokolade kaufen möchte, nur zu. Der Gemütszustand trägt auch zur Gesundheit bei. Wir versuchen die Kunden zudem zu motivieren, selbst zu kochen. Zur Weihnachtszeit gaben wir ein Rezept heraus mit einem Drei-Gänge-Menü, dessen Zutaten bei uns für 3.20 Franken gekauft werden konnten.
Was war es für ein Menü?
Die Vorspeise ist eine Gemüsesuppe, zum Hauptgang dann Pouletschenkel mit Gemüse an einer Joghurtsauce und als Dessert Äpfel an Zimtquark mit Nüssen. Das Rezept ist immer noch online verfügbar.
Thomas Künzler (65) ist seit acht Jahren Geschäftsleiter der Genossenschaft Caritas-Markt. Ende Februar wird er pensioniert. Seit rund zehn Jahren ist Künzler Kirchenvorstand der reformierten Kirche Horw. Er ist verantwortlich für das Ressort Infrastruktur, seit 2025 ist er zudem Finanzvorsteher. Künzler ist seit über 30 Jahren verheiratet, seine Frau und er sind Eltern zweier erwachsener Söhne. (jow)
Der Verkaufsrekord wiederholt sich zum vierten Mal in Folge. Wird das so bleiben, oder rechnen Sie im laufenden Jahr mit einem Rückgang?
Unser Ziel ist, dass wir in der Schweiz weniger Armutsbetroffene haben. Wir sollen überflüssig werden. Aber die Realität sieht anders aus. Die Caritas-Märkte gibt es seit 35 Jahren, seither wachsen wir. Das bedeutet, es hat uns gebraucht. Schrumpfen die Verkäufe, gibt es weniger Armutsbetroffene.
Gleichzeitig ging der Umsatz zurück. Wie stellen Sie sicher, dass dennoch genug Geld da ist, um Ihr Angebot zu sichern?
Wir brauchen Spenden. Jede Spende fliesst sofort in die Vergünstigung der Produkte in den Märkten. Jede Unterstützung ist zum Nutzen der Armutsbetroffenen. Wir verhandeln hart und kaufen zu guten Konditionen ein. Ausserdem sind wir sehr schlank organisiert. Wir betreuen 1000 Produkte, vier Leute arbeiten in der Administration, fünf Personen für die Logistik. Unser Modell ist nicht gefährdet, selbst wenn der Umsatz weiter zurückgehen würde.
Wo sehen Sie Möglichkeiten zur Armutsbekämpfung?
Menschen sollten besser ausgebildet werden. Wir müssen die Bildung zu jenen Menschen bringen, die am Rand der Gesellschaft stehen. Als wir kürzlich eine Stelle ausgeschrieben hatten, erhielten wir mehrere hundert Bewerbungen. Die meisten Menschen, die sich meldeten, hatten leider keinen Ausbildungsabschluss.
Gibt es noch andere Ansätze?
Zudem braucht es ein plattformorientiertes Arbeiten. Das heisst: Menschen sollten an einer Stelle umfassend beraten werden, so dass sie wissen, an wen sie sich wenden können, wenn sie zum Beispiel Geldprobleme haben. Auch kirchliche Akteure könnten triagieren und vermitteln. Zudem soll Armut offener gezeigt werden können. Bis zu 70 Prozent aller Menschen in Armut sind unverschuldet arm, wegen Jobverlust, Krankheit, Scheidung oder einem Unfall. Niemand soll sich dafür schämen, arm zu sein.