In der hedonistischen Tretmühle
Wer würde nicht gerne seine Lebensziele erreichen. Alles abhaken, was man vor dem Tod noch erlebt oder geschafft haben will. Ratgeber für Bucket-Listen – der Begriff stammt aus dem Englischen «to kick the bucket», was soviel wie Sterben bedeutet – gibt es inzwischen etliche. Einer der bekanntesten heisst «1000 Places to see before you die» und ist eine Liste für Weltreisende.
Ziele seien wichtig für Menschen, sagt Alexandra Freund, Professorin für Entwicklungspsychologie an der Universität Zürich: «Sie geben uns eine Richtung an, in die unser Verhalten gehen soll. Und Bucket-Listen geben ein Gefühl der Kontrolle und Priorisierung.» Doch die Zielerreichung löse nur kurzes Wohlbefinden aus, sagt Freund: «Wir suchen ein neues. Wir stecken in einer hedonistischen Tretmühle.»
Bucket-Listen, wie sie vielfach in den sozialen Medien geteilt werden, enthalten aus ihrer Sicht keine wirklichen Ziele: «Sie stehen für etwas anderes. Auf ihr stehen meist aufgeschobene Dinge.» Für Freund ist der Weg zum Ziel entscheidend: «Ist der nicht gut, ist es das Ziel auch nicht.»
Warum vielleicht viel später – oder nie – alleine Marathon laufen, wenn ich jetzt schon mit Freunden wandern kann? Die Qualität des Weges sei massgeblich dafür, ob uns eine Zielverfolgung zufrieden mache, sagt die Psychologin: «Die ganzen Ratgeber sagen, man solle sich immer auf das Ergebnis konzentrieren. Das ist falsch.»
Für Menschen, die nicht auf Listen verzichten können, gibt es einen Gegenentwurf zur Bucket-Liste: Der Vater der amerikanischen Philosophin Valerie Tiberius verschob an seinem 75. Geburtstag den Wunsch, noch Spanisch zu lernen, auf seine «Chuck-it-List» (Wirf-es-weg-Liste). «Er schien ein wenig wehmütig darüber zu sein, aber vor allem erleichtert», schrieb Tiberius im vergangenen Jahr in der «Washington Post» und riet dazu, nicht genau das zu verpassen, was nicht auf der Bucket-Liste stehe: «Dinge, die sich Ihnen zufällig bieten und die Sie nicht einplanen konnten, oder Dinge, die Sie als selbstverständlich erachtet haben.» (epd/ hz)