Theologin: Lula muss Gesellschaft befrieden
Der anstehende Machtübergang in Brasilien von Jair Bolsonaro zu
Luiz Inácio Lula da Silva werde die Spannungen und Polarisierungen in
den Familien und der Gesellschaft nicht automatisch beenden, sagte die evangelisch-lutherische Pastorin Cristina Scherer dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die Brasilianerin ist seit einem Jahr in Deutschland tätig. «Wir müssen über den gesellschaftlichen Frieden im Land sprechen und sollten Menschen mit anderer Meinung nicht als unsere Feinde sehen», sagte Scherer.
Auch in den brasilianischen evangelisch-lutherischen
Kirchengemeinden mit ihren knapp 600.000 Mitgliedern ist laut Scherer zuletzt viel gestritten worden. Die meisten lutherischen Gemeinden befänden sich im industriell starken Süden Brasiliens, wo eine grosse Mehrheit Bolsonaro und seinen wirtschaftsliberalen Kurs gewählt habe. «Manche Gemeindemitglieder haben sogar gefordert, dass die Kirche offen für Bolsonaro eintritt.»
Bolsonaro habe den Glauben als Kampfmittel angesehen. «Für ihn sollten Pastorinnen und Pastoren die Kanzel als politische Bühne nutzen. Wir respektieren aber unsere Vokation und wollen die Kanzel für das Evangelium reservieren.»
Der linksgerichtete Luiz Inácio Lula da Silva von der Arbeiterpartei hatte sich in einer Stichwahl am Sonntag äusserst knapp gegen Amtsinhaber Jair Bolsonaro durchgesetzt und wird im Januar zum dritten Mal als Präsident Brasiliens vereidigt.
Das Land benötigt Scherer zufolge nun Geduld und Ausdauer. Der
gewählte Präsident Lula habe zudem nicht die erforderliche Mehrheit
im Kongress, um eigene Vorhaben durchzusetzen. «Aber seine
Linkspartei hat andere Parteien auf ihrer Seite, auch aus dem Zentrum
und von rechts. Ausser Bolsonaro sind die meisten politisch
Verantwortlichen dem Dialog verpflichtet.» Hoffnung habe sie als
Theologin und als Brasilianerin ohnehin immer, sagte Scherer. (epd/pef)