Deutschland
Berliner Kirche erforscht NS-Verstrickungen
Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz will mit einem neuen Forschungsprojekt die Verantwortung der Kirche während des Nationalsozialismus beleuchten. Dies soll anhand der Biografien der fünf Konsistorialpräsidenten zwischen 1933 und 1945 geschehen. Die beauftragte Historikerin nimmt zudem die Stellvertreter und weitere Entscheidungsträger unter die Lupe.
Das Konsistorium ist die leitende Dienstbehörde, der Präsident also der Verwaltungschef. Auch in der Zeit des Nationalsozialismus war es Dienstherr über die Pfarrerinnen und Pfarrer. Es war auch für die Herausgabe der sogenannten «Ahnennachweise» zuständig. Damit mussten etwa Beamte und NSDAP-Mitglieder, später auch Heiratswillige, eine «arische Abstammung» nachweisen.
Die Verwaltungschef konnten unter anderem durch Disziplinarverfahren Pfarrer, die Mitglied der oppositionellen Bekennenden Kirche waren, «mundtot» machen und ihnen durch Streichung der Bezüge die Versorgungsgrundlage entziehen, erklärte die aktuelle Verwaltungschefin bei einer Vorstellung des Forschungsvorhabens in Berlin.
Sie sprach dabei von einem «blinden Fleck». Anlass der Präsentation war der 80. Jahrestag des Stuttgarter Schuldbekenntnisses der evangelischen Kirche. Darin wurde am 18. und 19. Oktober 1945 eine kirchliche Mitverantwortung für die Verbrechen des NS-Regimes erklärt.
Die Forschungsergebnisse zu den ehemaligen Chefs sollen bis Ende 2026 veröffentlicht und 2027 im Rahmen einer Ausstellung präsentiert werden. Die Beauftragte der Landeskirche für Erinnerungskultur erklärte, damit solle auch ein Grundstein für weitere Forschungen gelegt werden.
Die aktuelle Verwaltungschefin betonte, das Forschungsprojekt liege ihr «kirchenpolitisch sehr am Herzen». Derzeit gerate die Erinnerungskultur «insgesamt unter politischen Druck». Das zur Zeit des Nationalsozialismus begangene Unrecht werde verharmlost und der Widerstand gegen das NS-Regime für aktuelle politische Zwecke instrumentalisiert. «Dagegen wollen wir als Landeskirche ein Zeichen setzen und die Geschichte unseres Konsistoriums ehrlich und umfassend aufarbeiten», betonte die Chefjuristin: «Es wird höchste Zeit, diese Lücke kirchlicher Aufarbeitung zu schliessen.»
Das Forschungsprojekt knüpft an frühere Aufarbeitungsinitiativen der Landeskirche an. Dazu gehört unter anderem die Errichtung einer Gedenkstätte für NS-Zwangsarbeiter in kirchlicher Verantwortung in Berlin-Neukölln. (epd/ gab)