Ausmass sexuellen Missbrauchs in deutschen Kirchen laut Studie deutlich höher

Laut einer neuen Studie sei die evangelische Kirche in Deutschland genauso stark von sexuellem Missbrauch betroffen wie die katholische.


Das Ausmass des sexuellen Missbrauchs in den beiden grossen Kirchen in Deutschland ist einer neuen Studie zufolge wahrscheinlich deutlich höher als bislang angenommen. Es sei von etwa 114’000 durch katholische Priester sexuell Missbrauchten und noch einmal so vielen durch Pfarrer und Mitarbeiter in evangelischen Kirchen auszugehen, heisst es in der Untersuchung der Universität Ulm, die dem Evangelischen Pressedienst (epd) vorliegt.

In einer ersten Reaktion bewertete ein Sprecher der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) die Aussagekraft der Untersuchung zurückhaltend. Zuerst hatte die Tageszeitung Die Welt am 12. März über die Studie berichtet.

30 Mal so viele Betroffene

Wissenschaftler um den Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Ulm, Jörg Fegert, rechneten 2018 eine repräsentative Umfrage auf die Gesamtbevölkerung in Deutschland hoch. Dabei kamen sie auf bis zu 30 Mal so hohe Zahlen wie die Missbrauchsstudie der deutschen katholischen Bischöfe.

Ende September hatte die katholische Deutsche Bischofskonferenz ihre in Auftrag gegebene Studie über den tausendfachen Missbrauch von Minderjährigen vorgestellt. Über vier Jahre hatten Wissenschaftler Tausende Personal- und Handakten aus den Archiven der Diözesen untersuchen lassen. Danach erfassten sie zwischen den Jahren 1946 und 2014 insgesamt 3677 Opfer sexuellen Missbrauchs. 1670 Kleriker sind der Taten beschuldigt. Schon damals schätzten Wissenschaftler die Dunkelziffer wesentlich höher.

Einblick in die Dunkelziffer

In der Ulmer Studie «Sexuelle Gewalt durch Seelsorger und in kirchlichen Institutionen» heisst es über die Fälle in der katholischen Kirche: «Bezogen auf die Gesamtbevölkerung ab 14 Jahren kann schätzungsweise von circa 114 Tausend Betroffenen ausgegangen werden.» Die Studie soll demnächst im renommierten Londoner Journal of Child Sexual Abuse erscheinen.

Die Quotenstichprobe für die Studie umfasst laut den Autoren insgesamt 2516 Personen, von denen 45,5 Prozent männlich und 54,5 Prozent weiblich sind. Das Durchschnittsalter liege bei 48 Jahren. Vier Personen gaben dabei an, in einer Einrichtung der katholischen Kirche missbraucht worden zu sein, ebenso viele in einer Einrichtung der evangelischen.

Studienleiter Fegert sagte der Welt, die Studie aus Ulm liefere erstmals einen Einblick in das Dunkelfeld, also auch der nicht angezeigten und registrierten Fälle. «Damit lässt sich nun das wahre Ausmass des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger in den Kirchen besser einschätzen.»

EKD bemängelt kleine Stichprobe

Der EKD-Sprecher kündigte an, dass die evangelische Kirche die Studie auswerten werde. Die in den Medienberichten genannten Umfrageergebnisse, die die Grundlage für die Hochrechnung geliefert hätten, seien allerdings eine «sehr kleine Zahlenbasis».

«Die Erstellung einer unabhängigen und aussagekräftigen Dunkelfeld-Studie ist Teil des von der Synode der EKD verabschiedeten Elf-Punkte-Handlungsplans», fügte der Sprecher hinzu. Für Juni werde die EKD zu einem Experten-Fachtag einladen, um das wissenschaftliche Vorgehen abzustecken. (epd)