«Auch ein Ungläubiger schreibt an der Bibel mit»

Im Kloster Kappel arbeiten derzeit 40 Kalligrafinnen und Kalligrafen an der Abschrift der Zürcher Bibel. Unter den Schreibenden sind Reformierte, Katholiken – und ein Ungläubiger. Projektleiterin und Pfarrerin Elisabeth Wyss-Jenny über den Reiz der Kalligrafie, schwierige Texte und einen, der in den Psalmen völlig versunken ist.

«Die Kalligrafen sind fleissig»: Elisabeth Wyss-Jenny. (Bild: zvg)

Im Kloster Kappel entsteht im Hinblick auf das Reformationsjubiläum 2019 eine kalligrafische Abschrift der Zürcher Bibel 2007. Das neue Testament ist bereits fertiggestellt. Vom alten Testament wurden bis jetzt 900 Seiten geschrieben, 300 fehlen noch. 

Frau Wyss-Jenny, 300 Seiten müssen noch geschrieben werden, dann ist die Abschrift der Bibel fertig. Was ziehen Sie für ein Zwischenfazit?
Es läuft sehr gut. Das Interesse am Projekt ist gross. Wir mussten nie um Schreiber buhlen. Die Kalligrafinnen und Kalligrafen sind fleissig.

Wie erklären Sie sich das grosse Interesse?
Für viele Schreibende ist es offenbar die Krönung ihrer Kalligrafen-Karriere, dass sie an einer Bibel mitschreiben dürfen. Unter ihnen befinden sich ziemlich renommierte Namen.

Was sind das für Menschen, die bei einem solchen Projekt mitmachen?
Die älteren Kalligrafen sind meistens Männer, die die Kalligrafie in ihrer Berufszeit gelernt haben. Die Jüngeren sind oft Frauen, die sich die Kalligrafie zum Hobby machten. Es gibt Reformierte, Katholiken und auch einen Ungläubigen. Der lässt sich immer wieder von den Texten herausfordern. Insgesamt sind es 40 Schreibende. Der Älteste ist 88, die Jüngste Ende 20.

Wie viele Seiten schafft ein Kalligraf pro Tag?
Die meisten schreiben eine Seite. Es braucht eine gute Konzentration. Manche kommen jede Woche, andere alle zwei Wochen. Es gibt auch welche, die einige Tage im Kloster bleiben.

Was ist der Reiz an der Kalligrafie?
Sie entschleunigt, um es mal mit einem in letzter Zeit oft gebrauchten Modewort zu sagen. Der Buchdruck hat im Zuge der Reformation die Verbreitung von Information beschleunigt. Wir gehen nun wieder einen Schritt zurück. Es wird genau eine Bibel unseres Projekts geben und nur eine digitale Kopie davon.

Wie erleben die Kalligrafen die Arbeit? Haben Sie spezielle Erlebnisse, über die sie berichten?
Manchmal erzählen sie mir beim Mittagessen, dass sie gerade an einem ganz «struuben» Text sind. Wenn wieder Krieg, Mord und Totschlag herrscht.

Und positive?
Da kommt mir ein Kalligraf in den Sinn, der alle Psalmen abgeschrieben hat. Eineinhalb Jahre war er dran. Nur einmal musste er seine Arbeit unterbrechen, weil er die Hand gebrochen hatte. Er hat richtig in diesen Psalmen gelebt. Zwischendurch schrieb er mir ein Statusupdate, wie es mit der Arbeit läuft – und zwar in Psalmform.

Welche Voraussetzung braucht es, um an der Bibel mitschreiben zu dürfen?
Man muss die humanistische Kursive beherrschen, in der die Bibel geschrieben wird. Dafür kann eine Schriftprobe geschickt oder ein Kurs besucht werden. Danach wird solange geübt, bis man schreibreif ist.