Vor 80 Jahren scheiterte das Attentat auf Adolf Hitler
Der 20. Juli 1944 ist in Ostpreussen ein warmer Sommertag. Die Fenster der Besprechungsbaracke im Hauptquartier «Wolfsschanze» nahe dem ostpreussischen Rastenburg (heute: Ketrzyn in Polen) stehen weit offen – ein Zufall. Doch er trägt mit dazu bei, dass das Attentat auf den nationalsozialistischen Diktator Adolf Hitler misslingt: Die Druckwelle der heftigen Explosion, die Hitler hätte töten sollte, kann zu einem grossen Teil durch die offenen Fenster entweichen.
Auch dass Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der den Sprengsatz gezündet und unter dem Besprechungstisch platziert hatte, vorher nur eines von zwei Sprengstoffpäckchen scharf machen konnte, trägt zum Scheitern bei, ebenso wie die stabile Tischplatte. Noch bevor der lange geplante Staatsstreich richtig beginnen kann, ist er schon gescheitert.
Bereits in der Nacht zum 21. Juli werden Stauffenberg und drei Mitverschwörer im Bendlerblock in Berlin erschossen. Zudem meldet sich Hitler, der bei dem Attentat nur leicht verletzt worden ist, in der Nacht mit einer Radioansprache zu Wort – zum Beweis, dass er überlebt hat.
Selbst nach dem Krieg als «Landesverräter» bezeichnet
Historikerin Linda von Keyserlingk-Rehbein räumt im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst anlässlich des 80. Jahrestages ein: «Der Attentatsversuch und der anschliessende Umsturzversuch sind gescheitert, keine Frage.» Aber, so die Wissenschaftlerin, «die vorherige Konspiration, der geheime Aufbau des grossen und komplexen konspirativen Netzwerks war ausgesprochen erfolgreich».
Rund 200 aktiv an dem Umsturz beteiligte Personen hat Keyserlingk-Rehbein gefunden. Die Gestapo, deren Aufgabe die Bekämpfung politischer Gegner war, hat laut der Netzwerkforscherin 132 Personen und 650 Kontakte zwischen diesen Beteiligten ermittelt. Wider besseres Wissen sprachen die Nationalsozialisten bis zum Ende ihrer Terrorherrschaft von einer «ganz kleinen Clique ehrgeiziger, gewissenloser und zugleich unvernünftiger, verbrecherisch-dummer Offiziere».
Der Ruf als «Verräter und Verbrecher» blieb den für den Attentats- und Umsturzversuch Verantwortlichen sogar nach der NS-Zeit noch erhalten. Erst Fritz Bauer rehabilitierte die Hitler-Attentäter: Als Braunschweiger Generalstaatsanwalt verklagte er 1952 den Altnazi Otto Ernst Remer, der die Attentäter vom 20. Juli 1944 als Landesverräter geschmäht hatte, und leitete so eine erinnerungspolitische Wende ein. In diesem Zusammenhang sagte Bauer: «Ein Unrechtsstaat wie das 'Dritte Reich' ist überhaupt nicht hochverratsfähig.»
Stauffenberg selbst rechnete kurz vor dem Attentats- und Umsturzversuch damit, als Verräter angesehen zu werden: «Es ist Zeit, dass jetzt etwas getan wird. Derjenige allerdings, der etwas zu tun wagt, muss sich bewusst sein, dass er wohl als Verräter in die deutsche Geschichte eingehen wird. Unterlässt er jedoch die Tat, dann wäre er ein Verräter vor seinem eigenen Gewissen.»
Das Werk vieler Personen
Nach Einschätzung der Historikerin Keyserlingk-Rehbein spielte Stauffenberg «seit Herbst 1943 eine Schlüsselrolle bei dem Umsturzvorhaben». Er sei «Dreh- und Angelpunkt für die Umsetzung der Umsturzpläne» gewesen, erklärt sie.
Vorbereitet hätten die «Operation Walküre» aber viele andere vor ihm, die ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen angehörten. Waren die nationalsozialistischen Verbrechen in Osteuropa für Stauffenberg der Auslöser, in den Widerstand zu gehen, hatten sich viele Andere bereits in den 30er-Jahren vom Regime distanziert.
Alles in allem sieht Keyserlingk-Rehbein durch ihre Recherchen zum Netzwerk die Bedeutung der Person Stauffenberg relativiert, «weil sich das öffentliche Interesse häufig sehr auf seine Person konzentriert.»
Einer der führenden Forscher zum Nationalsozialismus, Wolfgang Benz, sagt mit Blick auf Keyserlingk-Rehbeins Netzwerk-Theorie: «Ein Netzwerk besteht aus sehr vielen Mitwissern, aber nicht zwangsläufig aus sehr vielen Aktivisten.»
Der renommierte Antisemitismus- und Widerstandsforscher hinterfragt die Doppelrolle Stauffenbergs als Attentäter in der «Wolfsschanze» und als Organisator des Umsturzversuchs in Berlin: Ob es denn unter den anderen Verschwörern, die an diesem Tag in Berlin waren, niemanden gegeben habe, der den Umsturz hätte leiten können? «Das lässt natürlich Zweifel an der Effizienz der Verschwörer aufkommen.» Insgesamt hält Benz den 20. Juli 1944 für eine «symbolische Tat».