Anne Frank: Das Mädchen und das Tagebuch

Anne Frank hat eines der berühmtesten Bücher der Welt geschrieben: ihr Tagebuch aus dem Amsterdamer Hinterhaus, ihrem Versteck vor den Nationalsozialisten. Anne wurde ermordet. Doch ihr Tagebuch wird weiterhin gelesen.

Das Tagebuch, das Anne Frank von Hand schrieb, wurde in über 70 Sprachen übersetzt. (Bild: Leo La Valle/ Keystone)

Dunkle, funkelnde Augen, ein fröhliches offenes Lächeln – so kennen Millionen Menschen weltweit Anne Frank. Das jüdische Mädchen ist seit Jahrzehnten ein Symbol für die Judenverfolgung im Zweiten Weltkrieg. Zu ihrem 13. Geburtstag bekommt Anne von ihren Eltern ein rot kariertes Tagebuch geschenkt. Sie wird es vollschreiben, und in den folgenden zwei Jahren noch viele weitere Hefte. Im Alter von 15 Jahren stirbt Anne im KZ Bergen-Belsen. Am 12. Juni 2024 wäre sie 95 Jahre alt geworden.

Sie war mit ihren Eltern und der älteren Schwester Margot 1933 aus Frankfurt vor der zunehmenden Judenverfolgung nach Amsterdam geflohen. Die Wohnung der Familie am Merwedeplein im Süden Amsterdams gibt es noch, ebenso ihre Schule, den kleinen Buchladen, in dem sie das Tagebuch aussucht. Auch das Hinterhaus an der Prinsengracht steht noch, in dem sich die Familie mehr als zwei Jahre lang vor den deutschen Nationalsozialisten versteckt.

Versteck wurde zum Museum

Im August 1944 wird das Versteck entdeckt und die Bewohner deportiert. Anne stirbt 1945 im KZ. Nur Vater Otto überlebt. Er kehrt später zurück und veröffentlicht das Tagebuch seiner Tochter. Das Hinterhaus, in dem Anne ihr Tagebuch schrieb, ist heute ein Museum. Fast 40 Millionen Menschen haben es bereits besucht, im vergangenen Jahr waren es mehr als 1,2 Millionen Besucher aus aller Welt.

Auch fast 80 Jahre nach ihrem Tod sind Anne und ihre Geschichte aktuell, sagt der Projektleiter im Anne-Frank-Haus, Menno Metselaar. «Anne ist eins von etwa 1,5 Millionen Kindern, die von den Nazis ermordet wurden.» Ihre Geschichte steht nicht nur symbolisch für den Holocaust, sondern auch für Rassismus und Diskriminierung. «Das wollte Otto Frank», sagt Metselaar, «er fand es sehr wichtig, dass ihre Geschichte breiter gesehen wurde.»

Die entscheidende Rolle spielt dabei das Tagebuch. Es gehört zum Unesco Weltkulturerbe, wurde in mehr als 70 Sprachen übersetzt. Es inspiriere gerade viele junge Menschen und sei eine Quelle der Kraft, sagt Metselaar.

Frank wollte Schriftstellerin werden

Anne wollte Schriftstellerin werden, und ging sehr selbstkritisch mit eigenen Texten um. «Das Tagebuch ist authentisch, es ist echt», sagt Metselaar. «Sie sieht sehr viel, sie beobachtet sich selbst auch sehr scharf.» Anne beobachtet auch ihre Mitbewohner im Hinterhaus, beschreibt das Leben dort, bisweilen mit viel Humor. Die Themen bleiben aktuell, sagt Metselaar, der mehrere Bücher über Anne geschrieben hat. «Erwachsen werden, seinen Weg finden, Talente entwickeln, Beziehung zu den Eltern, Verliebtsein.» Anne ist eben auch ein Teenager.

Es bleibt aber nach gut 80 Jahren nicht aus, dass es schwieriger wird, das Tagebuch zu lesen. Heute würde eine 13-Jährige vermutlich ihre Erlebnisse und Gedanken auf Tiktok äussern. Das Anne-Frank-Haus versucht daher auf vielerlei Weise, die Geschichte auch auf moderne Weise zu vermitteln. Zum Beispiel mit einem Videotagebuch auf Youtube. Anne bekommt dann zum Geburtstag eine Kamera und erzählt dem Zuschauer direkt, was sie erlebt, denkt und fühlt.

Anne schrieb auch andere Texte, kurze Geschichten, Märchen und begann sogar einen Roman. Zu ihrem 95. Geburtstag zeigt das Anne-Frank-Haus in einer Ausstellung eine neue Perspektive auf die Autorin Anne Frank. «Es gibt noch viel zu entdecken», sagt Metselaar.

Ungeklärte Frage

Viel ist bereits über Anne Frank und das Tagebuch geschrieben und geforscht worden. Nur ein Rätsel bleibt. Wer hat das Versteck im August 1944 verraten? Oder war es überhaupt ein Verrat?

Vor gut zwei Jahren hatte es zu dieser Frage einen heftigen Eklat gegeben. Ein sogenanntes internationales Coldcase-Team unter Leitung eines ehemaligen FBI-Agenten hatte angeblich die Lösung gefunden, publikumswirksam veröffentlicht und vermarktet. Der Verräter soll ein jüdischer Notar gewesen sein. Doch namhafte Historiker hatten das in einer Gegenstudie angezweifelt: Das Buch sei stümperhaft, beruhe auf falschen Annahmen und Quellen seien falsch genutzt worden.

«Es ändert nichts an ihrer Geschichte», sagt Experte Metselaar. Zehntausende Juden wurden in den Niederlanden verraten, entdeckt, deportiert. Etwa 102 000 wurden ermordet. «Annes Geschichte darf kein Schlusspunkt sein», sagt er und hofft: «Für junge Leute sollte sie ein Startpunkt sein, um mehr zu erfahren über diese entsetzliche Periode der Geschichte.» (sda/ dpa/ dst)