«Altersheim der Nation» will eine Kirchgemeinde werden

Die Reformierten der beiden Appenzeller Halbkantonen sind sehr stark vom demographischen Wandel betroffen. Der Kirchenrat plant daher eine Strukturreform und will die Zahl der Kirchgemeinden verkleinern. Die Maximalvariante sieht eine einzige Kirchgemeinde vor.

Aus 20 wird eins? Luftaufnahme der Gemeinde Bühler, Appenzell Ausserrhoden.
Aus 20 wird eins? Luftaufnahme der Gemeinde Bühler, Appenzell Ausserrhoden. (Bild: Wikimedia/Hansueli Krapf)

Für die Zukunft der Schweizer Reformierten gilt die Prognose «älter, ärmer, kleiner». Auf die reformierte Kirche der beiden Halbkantone Appenzell Ausserrhoden und Innerrhoden trifft diese Voraussage in zugespitzter Form zu. Der demographische Wandel ist im reformiert geprägten Ausserrhoden mit seinen rund 54’000 Einwohnern besonders stark.

Berechnungen des Bundesamtes für Statistik zeigen, dass in Ausserrhoden im Jahr 2030 schweizweit am meisten Über-65-Jährige leben. In der Ostschweiz gilt Ausserrhoden daher auch als «Altersheim der Nation». Auch der Mitgliederschwund macht ihnen zu schaffen. Waren im Jahr 2000 noch über 50 Prozent der Ausserrhodner Mitglied der reformierten Kirche, sind es heute mit rund 25’000 Personen zehn Prozent weniger.

Finanzieller Engpass am Horizont

Weil das Konsequenzen für die finanziellen Mittel hat, plant der Kirchenrat der reformierten Landeskirche beider Appenzell eine Strukturreform. Kirchenratspräsident Koni Bruderer: «Wenn wir nichts tun, laufen wir in absehbarer Zeit in grosse finanzielle Engpässe hinein. Das hängt auch damit zusammen, dass Ausserrhoden keine Kirchensteuern für juristische Personen kennt.»

Neben der Überalterung sieht Bruderer zwei weitere Gründe für die Notwendigkeit der Reform. «Der zweite Punkt ist der künftige Pfarrmangel. In Ausserrhoden gehen in den kommenden Jahren elf von 26 Pfarrpersonen in Pension, und der Nachwuchs ist sehr spärlich. Drittens haben viele Kirchenvorsteherschaften (Kivo) Mühe, Vakanzen neu zu besetzen. Bei einem Fünftel der 20 Gemeinden ist zum Beispiel das Präsidium nicht mehr regulär besetzt, sondern es gibt Interimslösungen.»

Drei Szenarien

Der Kirchenrat hat nun drei mögliche Szenarien ausgearbeitet, welche den Synodalen, den Kivo-Präsidien und der Pfarrerschaft bereits vorgestellt wurden. Die Maximalvariante klingt fast revolutionär: «Diese sieht statt 20 Kirchgemeinden noch eine einzige Landeskirche vor. Die Verwaltungsgeschäfte würden zentral geführt, in drei bis fünf Kirchenregionen gäbe es Vorsteherschaften, die sich um inhaltliche Belange kümmern könnten», sagt Bruderer.

Die weiteren Vorschläge sind verhältnismässig sanft. Eine zweite Lösung sieht drei bis fünf eigenständige regionale Kirchgemeinden vor. Die dritte Variante wären Kirchgemeinden mit einer Minimalgrösse von 1800 Personen. Zusätzlich müsste sich jede der bestehenden Kirchgemeinden mit mindestens einer anderen zusammenschliessen.

Die Appenzeller scheinen für eine radikale Lösung offen zu sein. «Bei den Mitgliedern der Synode und den Kivo-Präsidien kommt die Maximalvariante bis jetzt eindeutig am besten weg», sagt Bruderer. Auch er sieht darin Vorteile: «Das wäre eine innovative und eigenständige Appenzeller Lösung. Ich erhoffe mir dadurch auch eine Belebung des Kirchenlebens: Weg vom Verwalten, hin zu inhaltlichem Gestalten. Auch unsere Attraktivität auf dem Stellenmarkt würde dadurch gesteigert.»

Gemeindeautonomie als «heilige Kuh»?

Aus der Pfarrerschaft klingt es anders. Lars Syring aus Bühler ist grundsätzlich skeptisch gegenüber Strukturreformen: «Aus meiner 15-jährigen Erfahrung als Pfarrer im Appenzellerland bin ich der Meinung, dass die Kirchgemeinden in der Lage sind, ihre Probleme selber zu lösen. Und zwar dann, wenn sie auftreten. So ist derzeit die Besetzung von Pfarrstellen noch keine Schwierigkeit. Abgesehen davon finde ich es auch eine Chance, wenn eine Gemeinde mal ein Jahr lang eine Pfarrvakanz hat.»

Für die Umsetzung der Pläne des Kirchenrates hat er wenig Optimismus. «Generell kann ich zu den drei Varianten sagen: Weil die Kirchgemeinden ihre Gemeindeautonomie zu grossen Teilen aufgeben müssten, dürften alle schwer zu vermitteln sein. Denn die Gemeindeautonomie wird in unserer Landeskirche hochgehalten.»

Drei Reaktionen

Einen Überblick über die Haltung der Pfarrpersonen hat Sigrun Holz, Präsidentin des kantonalen Pfarrkonvents. «Es sind drei Positionen feststellbar. Bei den kleinen Kirchgemeinden gibt es eine Gruppe, welche die Gemeindeautonomie nicht aufgeben will, einen Verlust an Freiheit und Nähe zu den Menschen befürchtet und darum gegen die Reformvorschläge ist. Eine zweite Gruppe bei den ‹Kleinen› ist einverstanden mit Veränderungen, wünscht sich aber, dass alle Kirchgemeinden ihren Teil dazu beitragen. Die Pfarrerpersonen der mittleren und grossen Kirchgemeinden sagen tendenziell Ja zum Reformkurs.»

Nächster Schritt im Sommer

Wie ist die Begeisterung über die Variante mit einer einzigen Kirchgemeinde zu erklären? «Die Maximalvariante ist in einer ersten Reaktion für die Synode zunächst wohl attraktiv, weil sie wie ein ‹grosser Wurf› erscheint», sagt Sigrun Holz. Lars Syring gibt zu bedenken: «Ich vermute, dass die Synodalen und Kivo-Präsidien einfach mal gehört haben: Es braucht weniger Leute für die Vorsteherschaften. Was die weiteren Konsequenzen sind, dürfte erst nach und nach klar werden.»

Von Seiten der Kivo-Präsidien ist der Reformbedarf kaum bestritten. «Das Projekt der Neustrukturierung wurde gut aufgegleist. Im weiteren Vorgehen wird es wichtig sein, die Kirchgemeinden einzubinden und so ins Boot zu holen», sagt beispielsweise Uschi Hofmänner, Herisauer Kivo-Präsidentin. Die weiteren Schritte entscheidet bereits die Sommersynode. Dann will der Kirchenrat der Synode beantragen, einen Grundsatzentscheid zur Weiterverfolgung des Strukturwandels zu treffen. Welche Variante dabei favorisiert wird, ist offen.

 

Daniel Klingenberg ist Pfarrer und Journalist.

 

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