Ägyptische Reformierte: Der lange Weg zur Frauenordination

Die Presbyterianische Kirche in Ägypten (Nil-Synode) denkt zurzeit über die Einführung der Frauenordination nach. Zum Austausch darüber wurde im März eine Delegation der reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn unter der Leitung von Susanne Schneeberger eingeladen. Mit dabei: Dinah Hess (DH), Monika Hirt Behler (MHB) und Sabine Scheuter (SS). Marianne Weymann hat mit ihnen gesprochen.

Frohen Mutes: Die Schweizer Delegation und Frauen der Presbyterianischen Kirche in Ägypten vor der theologischen Fakultät. Mit dabei (letzte Reihe): Monika Hirt Behler (1. v. r.), Dinah Hess (3. v. r.), Sabine Scheuter (4. v . r.). (Bild: zvg)

Frau Hess, Frau Hirt, Frau Scheuter, wie kam es zu dieser Reise?
MHB
: Seit zweieinhalb Jahren gibt es eine Partnerschaft zwischen den reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn und der Nil-Synode. Ein Schwerpunkt sind Frauen- und Genderthemen, vor allem die Förderung der Frauenordination. Die ägyptischen Frauen waren schon zweimal in der Schweiz, jetzt haben sie uns eingeladen.

 

Wie stehen die ägyptischen reformierten Frauen zur Frauenordination?
MHB
: Viele sind dafür, aber wir haben auch welche getroffen, die dagegen sind, vor allem in Luxor. Das heisst, persönlich sind sie vielleicht schon dafür. Sie können es sich im Moment aber einfach nicht vorstellen, weil der gesellschaftliche Rahmen so ungünstig ist.
DH: Ja, das Gefühl hatte ich auch, dass es den Frauen in Luxor eher um gesellschaftliche und kulturelle Barrieren geht und theologische Argumente weniger wichtig scheinen.

 

Was sind das für Barrieren?
DH
: Die koptisch-evangelische Kirche ist eine ganz kleine Minderheit. Schon im muslimischen Kontext, aber auch unter den Christen, von denen die überwältigende Mehrheit koptisch-orthodox ist. Und weder bei Muslimen noch bei Orthodoxen gibt es Frauen in Leitungs- oder Priesterämtern.

 

Würde eine Frauenordination den Dialog mit diesen Gemeinschaften erschweren?
SS
: Ich glaube, es ist vor allem die Angst, sich noch mehr zu exponieren. Dass es dann wieder so weit kommt wie unter dem Regiment der Muslimbruderschaft. Wir haben gemerkt, dass den Christinnen und Christen dort noch die Angst davor in den Knochen steckt.

 

Waren die Christen unter Mursi mehr gefährdet als heute?
SS
: Ja, da hat es explizite Drohungen gegeben, dass es keinen Platz für sie in dieser Gesellschaft gebe. Es gab auch Angriffe, Läden und sogar Kirchen wurden zerstört.

 

Und jetzt unter Sisi ist es besser?

SS: Die Christen fühlen sich jetzt sicherer. Es sei vielleicht nicht alles ideal, aber sie denken, dass sie auf einem guten Weg sind.
MHB: Viele Leute, die wir getroffen haben, haben aktiv an der Revolution des arabischen Frühlings teilgenommen. Sie waren schockiert, dass es dann in genau die falsche Richtung umgeschlagen ist. Wir haben ja eher den Eindruck, es geht wieder in Richtung Militärdiktatur. Die ägyptischen Christen sehen das aber mehrheitlich nicht so, sie sehen vor allem, dass die Muslimbrüder weg sind.
SS: Es gibt aber auch Kritik gegen Sisi, und sie wird sogar öffentlich geäussert. Es gibt ja die Vermutung, dass Regierungskreise am Verschwinden eines italienischen Journalisten beteiligt waren. In der theologischen Fakultät, die wir besucht haben, hing ein Plakat, das das angeprangert hat. Das fand ich erstaunlich

 

Was sind die nächsten Schritte bei der Frauenordination?
SS
: Vom 20. bis zum 23. April wird die Synode zusammenkommen, da wird dann vermutlich über das Thema abgestimmt. Im Moment laufen vor allem Meinungsbildungsprozesse und Lobbying. Die Abstimmung könnte sehr knapp ausfallen, wir haben den Eindruck, dass es etwa 50:50 steht. Wir waren auch an einer Podiumsdiskussion zu dem Thema. Da ging es vor allem um biblisch-theologische Gründe für oder gegen die Frauenordination.

 

Welche Gründe wurden für eine Ablehnung genannt?
MHB
: Da waren zum einen die bekannten Bibelstellen mit der Frau, die in der Gemeinde schweigen soll (1 Kor 14,34) oder der Rippe von Adam, aus der Schöpfungsgeschichte. Zum anderen wurde die Befürchtung laut: Wenn wir jetzt Frauen ordinieren, dann wollen als nächstes die Homosexuellen auch ordiniert werden, und das geht ja nun gar nicht.
SS: Wir haben in diesem Zusammenhang auch gehört, dass das durch die US-amerikanische Mutterkirche, die Presbyterian Church in America (PCA) beeinflusst ist. Diese kennt keine Frauenordination.

 

Eine letzte Frage: Wie sehen Sie sich nach dieser Reise als reformierte Schweizerinnen in Vergleich zu diesen ägyptischen Frauen? Was für einen Spiegel haben sie Ihnen vorgehalten?
MHB
: Mich hat vor allem ihre Glaubensgewissheit beeindruckt, die feste Überzeugung, dass sie auf dem richtigen Weg sind. Das hätte ich für mich manchmal auch gern.
SS: Für mich ist eine neue Wertschätzung unserer Freiheit sehr wichtig geworden. Nach dem Scheitern des arabischen Frühlings träumen die Menschen, die wir dort getroffen haben, nicht etwa von Konsum, sondern von Reise- oder Pressefreiheit. Wir in der Schweiz können Pfarrerin werden, Ämter ausüben, uns in der Gesellschaft kritisch äussern. Wir haben die Aufgabe, das besser zu nutzen.
DH: Da kann ich mich anschliessen. Gleichzeitig bewundere ich das grosse Engagement der ägyptischen Frauen, die weitermachen, ob wohl ihre Freiheitsrechte eingeschränkt sind. Bei uns haben wir alle Freiheiten, aber was machen wir damit?
MHB: Es gibt aber auch Verbindendes. Zum Beispiel, dass es die Frauen an der Basis sind, die die Kirche tragen. Der Unterschied ist, dass wir es nach oben schaffen können. Bei ihnen ist irgendwann Schluss.

 

Die Presbyterianische Kirche in Ägypten (Nil-Synode) ist mit rund 700‘000 Mitgliedern die grösste evangelische Kirche im Nahen Osten. Die Zahl der eingetragenen Mitglieder ist kleiner, weil noch ein Grossteil aktiver Kirchenmitglieder bei der koptisch-orthodoxen Kirche angemeldet ist. (Quelle: Ökumenischer Rat der Kirchen)