Sonntagmorgen in den reformierten Stammlanden: Mächtig rufen die Kirchenglocken die Gläubigen zum Gottesdienst. Auf den letzten Glockenschlag setzt mit Brausen die Orgel ein, der Pfarrer oder die Pfarrerin schreitet gemessenen Schrittes durch die Bänke nach vorne, deponiert auf dem Sprechpult die Bibel und die Predigtnotizen, senkt das Haupt zum Kurzgebet, schaut auf – und sieht sich nicht einer stolzen Christengemeinde gegenüber, sondern einem schütteren Häuflein treuer Kirchgängerinnen mit ergrauten Häuptern, verstreut in den mittleren Bankreihen. Dazu auf der hintersten Bank einige Jugendliche mit Konfirmationsabsicht unter dem wachsamen Blick des Sigristen und eines Mitglieds der Kirchenpflege mit dienstlich geregelter Anwesenheitspflicht.
Leere Kirchenbänke
Diese Schilderung ist vielen vertraut, die Sonntag für Sonntag den reformierten Gottesdienstbetrieb in der Schweiz aufrechterhalten und die etwas resigniert gelernt haben, damit zu leben, dass sie vor mehrheitlich leeren Kirchenbänken predigen.
Und so setzt dann (so sicher wie das Amen in der Kirche) das Gejammer ein über den rückläufigen Predigtbesuch und über die zunehmend leeren Kirchen. Und auf dem Fusse folgt als erstes die altbekannte «Pfarrerschelte» zu Länge, Inhalt oder theologischer Qualität der Predigt, anschliessend die Klage über die eintönige liturgische Gestaltung, das Seufzen über die emotionale Dürre des reformierten Wortgottesdienstes und das Stöhnen über das unbeteiligte Absingen uralt-überlebter Kirchenlieder.
Neidischer Blick auf Freikirchen
Als Zugabe zu den Klagerunden schweift der neidische Blick auf die freikirchliche Gemeinde in einer Halle der Industriezone, wo sich neben Besuchern der älteren Generationen auch junge Familien – mit den Kindern im gemeindeeigenen Hort – in grosser Zahl versammeln: zu modernen Anbetungsgesängen mit Schlagzeug, Gitarre und Bass, zu evangelikaler Weltbildpflege, christologischer Engführung und strammer Bibelfrömmigkeit.
Natürlich drücken die leeren Bänke in den Kirchen auf das reformierte Selbstbewusstsein, und sie bewirken eine kollektive Kirchendepression. Doch nun wollen wir mit Überzeugung Gegensteuer geben: Das quälende Bild der leeren Kirchenbänke in den Köpfen verstellt den Blick dafür, dass jeden Sonntag in über 1000 reformierten Kirchgemeinden in der Schweiz zusammengenommen eine veritable Grossveranstaltung stattfindet, weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit.
Die wissenschaftlich erhobenen Zahlen im NFP58 «Religionsgemeinschaften in Staat und Gesellschaft» geben nämlich eine solide Schätzung der Anzahl von Personen, die sich jedes Wochenende zu religiösen Zwecken zusammenfinden. Das sind schweizweit rund 690’000 Personen. Davon machen die Reformierten gemäss Studie 14 Prozent aus. Und wenn die zahlreichen Gottesdienste in Altersheimen und Spitälern dazugerechnet werden, ergibt das pro Sonntag rund 100’000 reformierte Gottesdienstbesucher.
Reformierter Grossevent
Sonntag für Sonntag findet in den reformierten Kirchen der Schweiz also eine Grossveranstaltung mit rund 100’000 Gottesdienstbesuchern statt. Ein reformierter Grossevent mit 100’000 Besuchern! Jeden Sonntag! Diese Zahl muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Das Zürcher Hallenstadion könnten die Reformierten fast zehn Mal füllen.
Und damit ist es an der Zeit, das Bild der leeren Kirchenbänke aus den Köpfen zu verbannen und mit Jammern aufzuhören – nicht mit Schönfärberei, aber mit gesundem reformiertem Selbstbewusstsein gegen die Schwarzmalerei in manchen Kirchenköpfen.
5 Millionen Gottesdienstbesucher
Denn: Die Reformierten in der Schweiz führen Sonntag für Sonntag eine gutbesuchte Grossveranstaltung durch. Sie lassen sich das etwas kosten, und sie generieren mit dem Predigtdienst ihrer Pfarrpersonen kirchlich-theologischen Mehrwert, der mehr als 52 Mal pro Jahr von über 5 Millionen Gottesdienstbesuchern geschätzt wird. Darauf können die reformierten Kirchen eigentlich stolz sein. Natürlich schliesst das die redlichen Bemühungen nicht aus, mit der Zusammenlegung von Gottesdiensten der kirchlichen Vereinzelung entgegenzuwirken. Das ist gewiss nötig und tut auch den einzelnen Kleingemeinden gut. Aber eines ist nun sicher: Die reformierte Kirche in der Schweiz findet statt, und zwar als sonntäglicher Grossevent mit 100’000 Besuchern. Sonntag für Sonntag.
Dieser Beitrag erschien als Leitartikel in der Reformierten Presse vom 10. April 2015.