Es diskutieren:
David Scherler (34) ist seit vier Jahren Pfarrer in der reformierten Kirchgemeinde Uerkheim im Kanton Aargau. Die Gemeinde zählt 780 Mitglieder. Zusammen mit seiner Ehefrau und den drei Kindern lebt er im Pfarrhaus der Gemeinde.
Bigna Hauser (31) war rund zwei Jahre Pfarrerin in der Kirchgemeinde Sagogn-Laax-Falera im Bündner Oberland mit 600 Mitgliedern. Heute arbeitet sie als Lektorin im Theologischen Verlag Zürich und wohnt zusammen mit ihrem Mann und ihrer einjährigen Tochter in der Stadt Zürich.
Florian Homberger (31) ist Thurgaus jüngster Pfarrer. In der reformierten Kirchgemeinde Müllheim mit 1230 Mitgliedern arbeitet er seit fünf Jahren. Homberger lebt zusammen mit seiner Frau und den drei Kindern im Pfarrhaus.
ref.ch: Wie stark motiviert eigentlich ein gutes Gehalt? Oder ist das ein Tabu-Thema?
David: Nein, überhaupt nicht. Es sieht ja auch jeder in der Kirchengemeinde, was ich verdiene. Ich bin froh, dass mein Lohn uns als Familie vieles ermöglicht. Zurzeit bin ich froh um das Geld und es motiviert mich auch. Und wenn meine Arbeit mich wieder einmal sehr fordert, nenne ich mein Gehalt auch scherzhaft Schmerzensgeld.
Florian: Die Frage nach dem Lohn und dem Anreiz ist gut. Der Pfarrlohn ist ein Verdienst, welcher der Ausbildung und der Verantwortung entspricht. Im Thurgau kann man als Familie wirklich gut davon leben. Es hat mir sogar ermöglicht, dass ich um 10 Prozent reduziere und mit diesen Prozenten ein kleines Sekretariatspensum finanziert werden konnte. So kann ich mir Freiraum und Luft verschaffen.
ref.ch: Aber ist es gut, wenn der Pfarrer eine Sekretariatsstelle finanziert? Verzerrt das nicht das Bild, dass es eben zusätzlich zur Pfarrstelle ein Sekretariat benötigt?
Florian: Gut möglich, aber für mich stimmt diese Lösung.
David: Es liegt doch eben genau in der Verantwortung von Florian, ob er das so lösen möchte!
Bigna: Aber es zeigt, dass man sich die strukturellen Lösungen, die entlasten sollen, selbst schaffen muss – und nicht die Kirchenpflegen.
David: Aber das ist doch in der Privatwirtschaft nicht anders. Es gibt unzählige Leute, die sich beschweren, dass ihr Chef ihre Überstunden nicht sieht.
Bigna: Aber nur weil es da auch schlecht ist, muss es im Pfarramt doch nicht auch so sein?
David: Stimmt.
Bigna: An vielen Orten in der Privatwirtschaft hingegen kommt man und weiss: Ich arbeite 80 Prozent und das bedeutet, dass ich einen Tag frei habe. Ich bin einfach am Freitag nicht im Büro. Das ist schon viel klarer geregelt.
Florian:«Ich denke im Moment nicht, dass ich mein ganzes Leben lang Pfarrer sein werde.»
ref.ch: Diese Reglemente wären zu eurem Schutz. Wieso müssen die, die für ein Ideal stehen, selbst so an die Kasse kommen?
David: Im Aargau sind die Reglemente eben neu überarbeitet worden. Mit dem Resultat, dass ich zwei Wochen Vaterschaftsurlaub habe. Das ist doch super! So etwas findet man sonst nicht in der Schweiz. Was ich nochmals gerne betonen möchte: Die grosse Freiheit im Pfarramt, die ich mir immer gewünscht habe. Ich will diese. Die mich aber immer wieder an Punkte geführt hat, wo ich dachte: Jetzt geht es nicht mehr mit diesen Ansprüchen und dieser Verantwortung. Aber es kam auch immer wieder die Lust weiterzumachen. Wie lange das ist, das lege ich nicht fest.
Florian: Ich habe mir jetzt überlegt: Warum bin ich eigentlich Pfarrer und höre nicht auf? Ich bin Pfarrer, weil ich merke, dass darin meine Leidenschaft steckt und weil ich auch ganz fest erlebe und das Gefühl habe, dass ich etwas mitgestalten kann, auch in Menschenleben. Ich kann etwas weitergeben, darum bin ich Pfarrer. Ich bin bereit, für diese Leidenschaft auch etwas zu leiden. Ich denke im Moment auch nicht, dass ich mein ganzes Leben lang Pfarrer sein werde. Sondern dass ich gerne einmal eine Pause machen werde, und eine Zeit lang normaler Mensch sein.
(alle lachen)
Bigna: Zum Schluss noch dies: Ich fände es wünschenswert, dass Pfarrpersonen miteinander ein wenig galanter wären. Im Bündnerland hab ich das eher erlebt. Da kommen nicht rasch so Sätze wie: «Was, du hast am Montag frei gemacht? Ich habe jetzt drei Nächte durchgearbeitet und dann hatte ich noch Notfall-Seelsorge und dann war da noch dieser tragische Todesfall.» Dieses Märtyrertum, so nach dem Motto «je krasser der Pfarralltag, umso besser», ist doch ein Wahnsinn. Das Leben ist für nicht wenige Pfarrpersonen nur noch spürbar, wenn es wirklich «räblet».
David: Und am Montag arbeiten sie sowieso.
Bigna: Ja. Und wenn du sagst, äh nein, am Montag hab ich frei, dann heisst es «Oh!».
Bigna:«Licht im Pfarrhaus in der Nacht, Licht im Pfarrhaus am Morgen in der Früh: Das ist so eine Art Gütesiegel einer Pfarr-Generation.»
ref.ch: Das hört sich nach emotional hochgesteigerten Workaholics an.
David: Es sind vor allem die zwei letzten Generationen, die so gearbeitet haben – und die Menschen hatten auch Freude daran, dass in der Nacht hindurch Licht im Pfarrhaus brannte.
Bigna: Licht im Pfarrhaus in der Nacht, Licht im Pfarrhaus am Morgen in der Früh: Das ist so eine Art Gütesiegel dieser Pfarrgeneration.
ref.ch: Das könnte man doch auch umgehen, indem man schlafen geht und das Licht im Arbeitszimmer brennen lässt.
Bigna: (lacht) Natürlich. Aber dass das überhaupt nötig ist? Wenn unsere Generation sagt, dass wir etwas anders machen wollen, kommt oft die Antwort: «Dann seid ihr nicht bereit, euch als Pfarrpersonen auf die Leute einzulassen.» Ich glaube, das ist schon auch eine Generationenfrage.
Florian: Mir half es im Umgang mit all den Herausforderungen im Pfarrberuf, dass ich drei Jahre lang jede Woche mit einem Pfarrkollegen spazieren ging und wir über unsere Sorgen redeten.
David:«Da sind auch diese Workaholic-Pfarrer, die einem gerne ausführlich wissen lassen, was sie alles so leisten.»
Bigna: Ja, aber in diesem Austausch wird man doch auch zynisch, nicht?
Florian: Das kann schon auch passieren.
Bigna: Dieser zynische Ton ist auch so ein Zeichen. Er tat mir nicht gut.
David: Der Zynismus ist mir auch nicht ganz fremd. Aber da sind auch diese Workaholic-Pfarrer, die einem gerne ausführlich wissen lassen, was sie alles so leisten – und erst Schwäche zeigen können, wenn auch ich sage, dass ich nicht jeden Tag durcharbeiten kann. Wir sind wohl schon eine andere Pfarr-Generation. Das Bild vom Pfarrer, der rund um die Uhr Licht an hat, hinterfragen wir stärker. Ich glaube auch, dass solche Pfarrpersonen Familie und Ehe vernachlässigen.
Florian: Mir hat mal ein Pfarrer gesagt, dass er nicht in seiner Gemeinde ins Freibad geht. Dann habe ich gesagt: Soweit wird es bei mir nie kommen, ich mache, was ich will. Darum gehe ich auch in mit dem Turnverein in den Ausgang.
Bigna: Aber hast du nicht eine angezogene Handbremse an solchen Abenden? Oder anders gefragt: Bist du schon mal am Ende des Abends betrunken mit einem Hütchen auf dem Kopf auf dem Tisch gestanden?
Florian: (lacht) Nein, aber so etwas entspricht auch sonst nicht meinem Naturell. Ich lasse mich nicht so gehen. Aber vielleicht würde es mir mal gut tun.
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Herbstgespräch Teil 1: 22. September 2014
Herbstgespräch Teil 2: 26. September 2014
Herbstgespräch Teil 3: 3. Oktober 2014
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