Keine rote Absperrkordel verhindert den Zugang zu diesem Zimmer: Wer sich in der im Volksmund genannten «Zwingli-Stube» mit ihrem Holz-Interieur und dem grünen Kachelofen hinsetzt, spürt eine kleinräumige Gemütlichkeit, wie sie in der Stadt Zürich nur noch an wenig öffentlich zugänglichen Orten zu finden ist. Das Arbeitszimmer von Huldrych Zwingli ist – wie die gesamte Grossmünster-Helferei – ein aufwändig renoviertes, denkmalpflegerisches Juwel.
Vermietungen müssen Teil der Betriebskosten decken
Dieser Tatsache müssen sich auch die Verantwortlichen der Helferei bewusst gewesen sein, als sie den Text verfassten, mit dem sie das Arbeitszimmer des Zürcher Reformators zur Vermietung anpreisen: Die Zwingli-Stube strahle «Ruhe und Wärme» aus und werde nur an Gruppen bis maximal acht Personen vermietet.
Auf die Frage von ref.ch, warum solch sensible Objekte überhaupt vermietet werden, nennt Helferei-Leiterin Andrea König wirtschaftliche, aber auch historische Gründe. So bestehe einerseits ein Auftrag, durch Vermietungen einen Teil der Betriebskosten zu decken, andererseits sei die Helferei schon seit jeher ein Ort der Begegnung gewesen. Dies soll auch in Zukunft so sein, sagt König: «Ein Museum wollen wir keinesfalls werden, das würde auch der Idee der Helferei diametral widersprechen». Sitzungen, Seminare und Konzerte; die Besucherzahl der Helferei ist eindrücklich, rund 45’000 Menschen gehen gemäss der Leiterin jährlich im Haus ein und aus.
Keine Ausgelassenheit in der Zwingli-Denkkammer
Auf die Frage, wer denn nun die Zwingli-Stube mieten könnte, nennt König Lesegruppen, Sprachkurse oder auch Leute, die im kleinen Kreis Sitzungen abhalten möchten. Keine Chancen auf eine Zusage hätten Personen, die eine ausgelassene Feier planen: «Einen Polterabend in der Zwingli-Stube würden wir nicht bewilligen». Ebenfalls nicht erwünscht seien Gruppierungen, deren Ausrichtung nicht mit der Tradition und Ethik der Helferei in Einklang gebracht werden können.
Und was wäre, wenn einige Leute einen Poker-Abend in der Zwingli-Stube veranstalten möchten? Andrea König: «Das ginge wohl eher nicht. Ich kann mir einen Poker-Abend ohne rauchende Teilnehmer fast nicht vorstellen.» Die Antwort findet sich auch in der Zwingli-Stube. Der an die Decke geschraubte Rauchmelder ist der einzige Gegenwartszeuge im Raum.
Die Konditionen zur Miete der Zwingli-Stube sind bei Helferei in Erfahrung zu bringen.
Die Zwingli-Stube auf der Homepage der Grossmünster-Helferei
Die Zwingli-Stube
Die Stube im ersten Obergeschoss der Helferei wurde zu Beginn des 16. Jahrhunderts eingebaut. Bauteile davon konnten auf die 1330er-Jahre zurückdatiert werden. Die Helferei war Zwinglis dritte und letzte Amtswohnung. Von hier aus zog der Zürcher Reformator im Jahr 1531 nach Kappel am Albis in den Krieg, wo er für seinen Glauben starb.
