Als Kirchen gesprengt wurden

Dreizehn Kirchen wurden im Kanton Zürich in den letzten 90 Jahren abgebrochen, fünf davon sprengte man. Vernachlässigbare Zahlen bei 1700 abgerissenen Gebäuden allein im letzten Jahr? Nicht bei den Kirchen. Sie tragen eine grosse Symbolkraft und prägen die Ortsbilder, ihr Abbruch oder gar die Sprengung steht immer im Fokus der Öffentlichkeit.

Asche zu Asche, Staub zu Staub: Eine Kirche in Uster fällt in sich zusammen.
Asche zu Asche, Staub zu Staub: Eine Kirche in Uster fällt in sich zusammen. (Bild: Amt für Raumentwicklung Kanton Zürich)

Weshalb wollten Zürcher Kirchgemeinden Kirchen abreissen, die nicht selten bis ins Mittelalter zurückreichten? Manchmal argumentierten sie mit grösserem Platzbedarf, wie 1926 in Dietikon, meistens jedoch mit Baufälligkeit. Im Aufbruch der 1960er- und 1970er-Jahre kam der Wunsch nach einem modernen religiösen Bauwerk hinzu. Bei den katholischen Kirchgemeinden löste auch das 1963 angenommene Kirchengesetz den damaligen «Neubau-Boom» aus. Es ermöglichte den Zugriff auf Gelder aus der Kirchensteuer und motivierte so einige Kirchgemeinden zu prestigeträchtigen Bauprojekten.

Sprengen statt abreissen

Auf der Liste der Kirchenabbrüche stehen reformierte wie katholische Kirchen in allen Zürcher Regionen: 1926 Dietikon, 1959 Truttikon, 1962 Oberglatt, 1963 Uster, 1966 Tann-Dürnten und Trüllikon, 1968 Dübendorf, 1973 Wil, 1976 Birmensdorf, 1977 Zürich-Altstetten, 1981 Affoltern am Albis, 1990 Hirzel, 1996 Zollikon. Bei fünf Kirchen entschied man sich für die Sprengung – sie kostet meist nur einen Bruchteil dessen, was ein langwieriger konventioneller Abriss zu Buche schlägt. Auf diese Kirchensprengungen und die Berichterstattung in der Presse richten wir nachfolgend den Blick

Dietikon, Februar 1926

Die Baugeschichte der Simultankirche, einer Kirche für beide Konfessionen, reicht bis ins 15. Jahrhundert zurück. Nachdem sich die reformierte Kirchgemeinde 1924–1925 eine eigene Kirche gebaut hatte, entschieden die Katholiken 1926, ihr zuvor paritätisch genutztes Gotteshaus durch einen Neubau zu ersetzen.

Der Zürcher «Tages-Anzeiger» vom 26. Februar 1926 schrieb zur Sprengung: «Unter der furchtbaren Gewalt des Sprengmittels wurde das Gemäuer sozusagen hochgehoben, worauf es in sich zusammenfiel. Am Mittwoch nahm man drei solcher verheerender Sprengungen vor, wobei auch einige Fensterscheiben an Nachbarhäusern dranglauben mussten […]. Der Kirchturm wird nun noch mit zwei bis drei Extraladungen niedergelegt, und dann ist die Kirche […] nicht mehr.»

Gar unbeschwert berichteten die «Neue Zürcher Nachrichten» am 5. März: «Ein kurzer, dumpfer Knall, und der vor kurzem seine Umgebung bedeutend überragende Turm gleich[t] einem Trümmerhaufen, von der Schuljugend eifrig bestürmt […]. Diese Sprengung bedeutet für die Einwohner Dietikons ein Volksereignis, darob die Arbeit ruhte und das von Alt und Jung feierlich begangen wurde.»

Uster, August 1963

  • Die Sprengung der katholischen Herz-Jesu-Kirche in Uster 1963.

Was mitten in Uster am Freitagnachmittag, dem 23. August 1963 geschah, schilderte ausführlich der «Tages-Anzeiger»: «Punkt 15 Uhr sanken Schiff und Turm in sich zusammen, übrig blieb ein wirrer Trümmerhaufen. Leider verlief trotz den umfangreichen Absperrmassnahmen die Sprengung nicht unfallfrei. Einige Zuschauer, die sich rund 70 Meter vom Sprengobjekt entfernt aufhielten, wurden durch herumfliegende Steinbrocken verletzt und mussten im Spital Uster ambulant behandelt werden. […] Unter Anleitung des Sprengmeisters der Sprengstofffabrik Liestal wurden 243 Bohrlöcher von 80 bis 125 cm Tiefe erstellt und mit insgesamt 143 Kilogramm Cheddite (ein Chlorat-Gesteinssprengstoff) gefüllt. Anlage und Tiefe der Löcher waren darauf eingerichtet, dass das Bauwerk gegen Norden in die Wiese stürzen sollte, der Einsturz erfolgte dann aber nahezu senkrecht. […] Die vorsorglich aufgebotenen Samariter und Krankenautos erwiesen sich als nicht ganz nutzlos beim Abtransport der unter Schockwirkung stehenden Verletzten.»

Trüllikon, Mai 1966

1887 baute der renommierte Winterthurer Architekt Ernst Jung (1841–1912) in Trüllikon im Zürcher Weinland seine einzige Kirche. Sie trat an die Stelle eines auf das 14. Jahrhundert zurückreichenden und 1607 erweiterten Vorgängerbaus. Anlässlich einer Besprechung 1962 wurde ein Sanierungsprojekt – ohne Befragung der Denkmalpflege – zugunsten eines Neubaus aufgegeben. Angeblich sei dieser nur wenig teurer als eine Renovation. 1963 gaben die Stimmbürger der Kirchgemeinde Trüllikon mit 78 gegen 39 Stimmen ihre Zustimmung dazu.

Die «Neue Zürcher Zeitung» vom 6. Mai 1966 schrieb zum Ende der alten Kirche: «In Trüllikon ist am Mittwoch das ziemlich genau 80 Jahre alte Gotteshaus gesprengt worden […]. Während das Kirchenschiff ohne besondere Schwierigkeiten abgebrochen werden konnte, leistete der Turm einige Tage Widerstand. Man entschloss sich daher dazu, den Turm auf halber Höhe zu sprengen. Mit mächtigem Getöse fiel das Bauwerk zwischen den Umfassungsmauern des ehemaligen Kirchenschiffes zur Erde.»

Wil im Rafzerfeld, Januar 1973

Wil erhielt 1858–1859 ein neues Gotteshaus nach Plänen von Heinrich Bräm (1792–1869) anstelle einer mittelalterlichen Kirche. 1966 forderte die Kirchenpflege erstmals den Abbruch der Kirche. Die Kantonale Denkmalpflegekommission gelangte nach einer Besichtigung aber zum Schluss «dass ein Abbruch der Kirche nicht zu verantworten wäre». Die Kirchenpflege liess nicht locker und bekam 1971 vom Regierungsrat schliesslich die Bewilligung für ein Neubauprojekt.

Am 25. Januar 1973 berichtete der «Tages-Anzeiger»: «Pünktlich um 14.00 Uhr wurde gestern Mittwoch in Wil bei Rafz der 60 Meter hohe Kirchturm mit seiner neugotischen Zier gesprengt. Ein Spezialist aus Effretikon benötigte dafür 16 Kilogramm Sprengstoff. […] Die alte Kirche Wil war schon seit Tagen niedergerissen. Nur der Turm – über das ganze Rafzerfeld hin sichtbares Wahrzeichen – erhob sich noch über der ‹Halden›. Bei blankem Himmel standen am schulfreien Nachmittag schon frühzeitig Kinder und Erwachsene, Neugierige aus der Umgebung, bereit zu diesem Schauspiel. In der Dauer eines Schneuzers neigte sich der Turm mit den hölzernen Spitzgiebeln der Sonne zu und legte sich dann wie vorgesehen sauber auf den Boden.»

Affoltern am Albis, April 1981

Im Jahr 1892 liess die noch junge katholische Gemeinde Affoltern nach Plänen von Franz Keller, dem Sohn des renommierten Kirchenbauers Wilhelm Keller (1823–1888) aus Luzern, ein grosses Gotteshaus im neugotischen Stil errichten.

Ab 1969 beschäftigte sich die Kirchgemeinde mit Bau- und Renovationsprojekten und entschied sich schliesslich 1977 für ein neues Kirchenzentrum. Die in den früheren Projekten beabsichtigte Integration der neugotischen Kirche in das Kirchenzentrum gab man auf – wegen bautechnischer Mängel und kostenintensiven Renovationsarbeiten. Im April 1978 gab die Baudirektion entgegen den Empfehlungen der Kantonalen Denkmalpflegekommission die alte Kirche zum Abbruch frei. Am 9. April 1981 wurde das ehrwürdige Gotteshaus gesprengt.

Eine undankbare Aufgabe

In einem Punkt unterscheiden sich die Kirchensprengungen im Kanton Zürich vom Rest der Schweiz: Die alten Gotteshäuser wurden hier nie im Rahmen einer grossen Armeeübung durch die Truppe «zerlegt». Dieses doppelt traurige Schicksal widerfuhr u.a. im Oktober 1959 der 1894 erbauten Herz-Jesu-Pfarrkirche von Saas-Fee und im Mai 1965 der 1875 errichteten St. Oswalds-Kirche im luzernischen Udligenswil. Ein Soldat, der damals beim Rückbau der Kirche mit 130 Kilogramm Sprengstoff mithalf, gestand denn auch, er dürfe seiner Mutter nicht erzählen, dass er an einer Kirchensprengung beteiligt war.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von «einst und jetzt» – Die Zeitschrift für Archäologie und Denkmalpflege im Kanton Zürich. Pro Heft 15 Franken.
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