«Wo heute mein Büro ist, stellte man früher Täufer an den Pranger»

Christoph Neuhaus bat die Täufer als erster Berner Justiz-, Gemeinde- und Kirchendirektor um Verzeihung. Gegenüber ref.ch erklärt er, warum ihn die jahrhundertelange Verfolgung der Täufer auch persönlich berührt.

In seiner Entschuldigung bezeichnete Christoph Neuhaus die staatlich angeordneten Täuferjagden und Repressionen als grosses «Unrecht». (Bild: Roshan Adhihetty)

Herr Neuhaus, Sie haben sich am 11. November für das Unrecht, das der Berner Staat im 16. Jahrhundert den Täufern antat, entschuldigt. Warum gerade jetzt?
Der Moment schien für mich geeignet: Anlass war die Nacht der Religionen. Es ging um Versöhnung unter den Glaubensgemeinschaften. Da ich mich in letzter Zeit intensiv mit der Geschichte des Kantons Bern und seiner Religionspolitik auseinandergesetzt hatte, lag das für mich auf der Hand. Der Staat hat mit der Kirche gemeinsame Sache gemacht und die Täufer verfolgt.

Die Berner Reformierten haben sich bereits 2007, dem Berner Täuferjahr, bei der mennonitischen Gemeinde Bern entschuldigt. Warum entschuldigt sich der Kanton erst 2017?
Weil ich 2007 noch nicht Kirchen- und Justizdirektor war (lacht). Im Ernst: Ich gebe Ihnen recht, der Schritt war mehr als überfällig. Aber ich denke, es braucht immer auch Mut hinzustehen, sich zu entschuldigen und Schuld einzugestehen. Auch wenn die Verfolgungen und die Repression 500 Jahre her sind, stehe ich in einer Verbindung mit meinen Vorgängern. Diese hielten die Täufer für eine Bedrohung, weil sie das reine Evangelium leben wollten, ohne Waffendienst und Krieg, ohne Eid, Zins und Zehnten. Der Staat wollte eine Volkskirche, in der für alle alles verbindlich galt.

Es scheint Sie nicht nur als Kirchen- und Justizdirektor, sondern auch als Mensch zu beschäftigen. Haben Sie selber betroffene Vorfahren?
Nicht dass ich wüsste. Auch wenn ich aus dem Emmental stamme. Meine Vorfahren kämpften im Bauernkrieg gegen die Berner Obrigkeit. Aber es stimmt, persönlich lässt mich die Geschichte der Täufer nicht kalt. Der Staat veranstaltete richtiggehende Jagden und belohnte die Denunziation. Täufer wurden an der Kreuzgasse zwischen Münster und Rathaus, gleich da, wo ich heute mein Büro habe, an den Pranger gestellt und von Passanten angespuckt. Das geht mir durch den Kopf, wenn ich zur Arbeit gehe.

Wie waren die Reaktionen auf Ihre Entschuldigung?
Unter den Anwesenden waren Nachfahren der Täufer. Viele bedankten sich bei mir. Es muss eine Bürde gewesen sein. Es gab aber auch einige Stimme, die sich einen offizielleren Rahmen für den Entschuldigungsakt vorgestellt hätten. 2018 werden die reformierte Münstergemeinde und die Mennonitengemeinde Bern gemeinsam einen Täuferstationenweg eröffnen. Dann könnte der Moment sein, das noch ganz offiziell nachzuholen.

Sie entschuldigten sich in Ihrer Rede für die staatliche Verfolgung einer religiösen Minderheit und appellierten an Respekt und die Anerkennung. Heute ist die Gesellschaft religiös pluraler denn je. Was ist die Aufgabe des Kantons Bern, um religiöse Minderheiten zu schützen und zu integrieren?
Der Staat hat einerseits den Religionsfrieden zu garantieren, andererseits soll er religionsneutral sein. Wenn ich die Prognose sehe, dass in 20 Jahren nur noch ein Drittel der Berner und Bernerinnen christlichen Glaubens sind, die anderen konfessionslos oder andersgläubig, muss auch der letzte Zweifler einsehen: Die bernische Glaubenswelt wird 2035 ganz anders sein als heute. Das aktiv anzugehen, ist die Herausforderung.