Wo bleiben die Tiere in der Kirche?

Tiere hätten etwas mehr Platz in der Kirche verdient, findet Jacqueline Berger. Ein Porträt über die Hundeinstruktorin und angehende Sozialdiakonin aus dem zürcherischen Bäretswil.

Jacqueline Berger mit ihren beiden Hunden.
Jacqueline Berger mit ihren beiden Hunden. (Bild: Christian Schenk)

Tio-Pepe ist nicht mehr der Schnellste. Im Treppenhaus verliert der 13-jährige Rüde schon nach den ersten Stufen den Anschluss. Jacqueline Berger und Hunde-Lady Quin müssen auf dem Weg vom Kirchgemeindehaus zur Kirche immer wieder auf den kleinen Podenco-Mischling warten.

Die Geduld verliert dabei niemand. Das Trio kennt sich schon Jahre. Und mögen tut man sich auch: Wie eine kleine Familie posieren die drei später fürs Foto vor der Kirchentüre in Bäretswil. Jacqueline Berger ist angehende Sozialdiakonin, arbeitet als Praktikantin in der Kirchgemeinde und hat heute Bürotag. Da dürfen ihre Hunde dabei sein. Das sei so abgesprochen mit den Mitarbeitenden und der Pfarrerin, sagt die 24-Jährige und krault Tio-Pepe das struppige Fell.

Kraftpaket

Ausgerechnet er tänzelt jetzt beim Fotoshooting hin und her und versprüht fast schon jugendlichen Leichtsinn. Das Kraftpaket Quin, ein American Staffordshire Terrier, posiert dagegen gutmütig und unaufgeregt. Dabei wäre gerade Quin von der Sorte, die einem auch das Fürchten beibringen könnte.

Dass gerade das nicht passiert, dass Hunde gefürchtet werden müssen, das ist Jacqueline Berger, gelernte Hundeinstruktorin, ein Herzensanliegen. Wenn sie mit ihren Tieren oder mit jenen der neuen Halter in der Hundeschule arbeitet, dann tut sie das mit ganz viel Geduld, Guezli und ganz ohne Gewalt.

Entscheidend sei, dass die Tierhalter ihre Hunde kennen, ihre Signale zu deuten wissen – und umgekehrt. Dann gelinge mit der nötigen Konsequenz auch die Erziehung. «Jeder Hund verdient es, mit positiver Bestärkung erzogen zu werden», ist Jacqueline Berger überzeugt. Und auch davon, dass man mit dieser Haltung gegenüber den Tieren viel mehr erreicht, als wenn man sie einschüchtert, bedroht oder bestraft.

Hautnah dabei

Begegnet man Tio-Pepe und Quin, kommen wahrlich keine Zweifel an dieser Methode auf. Bei der Arbeit von Jacqueline Berger in der Kirchgemeinde sind die Hunde gleichwohl nur sporadisch dabei. Dann schenkt die ehemalige Fachangestellte Gesundheit ihre volle Konzentration den Jugendlichen im Unti oder den Menschen, die sie besucht und begleitet.

«Ich habe in dieser Kirchgemeinde die Möglichkeiten, das ganze Spektrum kirchlicher Arbeit mitzugestalten», sagt Jacqueline Berger. Und das ermögliche ihr, die Themenfelder hautnah zu erleben, die sie auch in ihrer Ausbildung am Theologisch-Diakonischen Seminar Aarau bearbeite: von Bibelauslegung, über Katechetik, Jugend- und Altersarbeit bis zur Gottesdienstgestaltung.

Spaziergang-Gottesdienst

Und die Tiere, die ihr sonst so lieb sind in ihrem Leben? Kommen die in der reformierten Kirche überhaupt vor? «Zu selten», findet Jacqueline Berger. In der katholischen Tradition sorgt immerhin Franz von Assisi dafür, dass die Tierwelt in der Kirche Beachtung erhält. Auch Tiersegnungen sind dort keine Seltenheit. «Das würde ich bei uns ebenfalls befürworten. Warum sollte man nicht auch Tiere dem Schutz Gottes anvertrauen dürfen?», fragt Jacqueline Berger. «Es sind auch seine Geschöpfe!»

Auch sonst sieht die junge Wetzikerin einiges Potenzial, wenn die Kirche ihr Augenmerk etwas mehr auf die Tiere richten würde, und auf all die Menschen, die mit ihnen unterwegs sind. Ein Kirchentreff für Hundehalter oder eine Art Spaziergang-Gottesdienst? Das sind Ideen, die sie einmal ausprobieren möchte. Quin wäre sicher gern mit von der Partie, und Tio-Pepe – wenns nicht zu schnell geht – gewiss auch.

 

Christian Schenk ist Redaktor bei «notabene», der Zeitschrift für die Mitarbeitenden der Zürcher Landeskirche. Der Beitrag stammt aus «notabene» 10/2014.