«Wir sollten ein Recht auf Bewegungsfreiheit anerkennen»

In unserer Interview-Serie stellen wir Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Kultur und Kirche in loser Folge fünf gleichbleibende Fragen zum Thema Migration und Integration. Teil 1: Andreas Cassee, Philosoph und Migrationsforscher.

(Bild: zVg / Bearbeitung ref.ch)

Herr Cassee, ist Migration nur eine politische Angelegenheit, oder hat sie auch eine moralische Dimension?

Natürlich hat die Migrationspolitik eine moralische Dimension. Die Idee, dass etwas eine «politische Frage» sei und entsprechende Entscheidungen deshalb nicht mehr moralisch kritisiert werden dürfen, scheint mir grundsätzlich problematisch. Das gilt umso mehr für einen Politikbereich, in dem eine Gruppe von Menschen (die Bürgerinnen und Bürger des jeweiligen Landes) Entscheidungen treffen, die tiefgreifende Auswirkungen auf andere Menschen (nämlich auf Einwanderungs- und Einbürgerungswillige) haben.

 

Ist das Recht auf freie Bewegung ein Menschenrecht?

Nicht aus Sicht des geltenden Völkerrechts. Dieses kennt zwar ein Recht auf Bewegungs- und Niederlassungsfreiheit innerhalb eines Staates, nicht aber ein Recht auf freie Bewegung über staatliche Grenzen hinaus. Aus ethischer Perspektive fragt sich allerdings, ob es eine überzeugende Rechtfertigung für diese Asymmetrie gibt. Denn Einwanderungsbeschränkungen beschneiden genau wie Restriktionen der innerstaatlichen Bewegungsfreiheit eine zentrale Dimension der individuellen Selbstbestimmung: Sie hindern Menschen daran, ihr Leben so zu gestalten, wie sie es gerne gestalten möchten. Ich glaube deshalb, dass wir ein moralisches Recht auf globale Bewegungsfreiheit anerkennen sollten, das zwar nicht absolut gilt, aber doch eine wesentlich offenere Einwanderungspolitik erfordert, als sie heute in der Schweiz und anderswo betrieben wird.

 

Andreas Cassee (Bild: zVg)

Andreas Cassee (Bild: zVg)

Wie erleben Sie die Kirchen in der Migrationsdebatte?

Als nichtgläubiger Mensch verfolge ich die Äusserungen kirchlicher Institutionen nicht im Detail. Sehr gefreut habe ich mich aber über die Migrationscharta, in der sich das ökumenische Netzwerk «KircheNordSüdUntenLinks» für freie Niederlassung für alle und eine solidarische Willkommenskultur ausspricht.

 

Was heisst gelungene Integration?

Eigentlich mag ich den Integrationsbegriff nicht besonders. Oft ist damit ja nichts anderes gemeint als die Forderung, dass sich Migrantinnen an eine (meist imaginäre) Mehrheitskultur anpassen sollen. Wichtiger sind aus meiner Sicht gesellschaftliche Partizipation und kulturelle Freiheiten, die nur dann eingeschränkt werden sollten, wenn Grundrechte tangiert sind. Wenn ich den Begriff doch verwenden soll, würde ich sagen: Integration ist dann gelungen, wenn das Vorliegen oder Nichtvorliegen eines «Migrationshintergrundes» politisch keine zentrale Rolle mehr spielt. Das hiesse insbesondere, dass endlich allen langfristig in der Schweiz niedergelassenen Menschen politische Rechte zugestanden werden.

 

Welches Buch, welchen Film oder welche Musik empfehlen Sie Migranten, um die Schweiz verstehen zu lernen?

Ich befürchte, «Die Schweizermacher» gibt immer noch ein ziemlich treffendes Bild der politischen Situation in der Schweiz ab.