«Die reformierte Bescheidenheit verlassen»

Die Baselbieter Kirche hat ihren 35 Kirchgemeinden den Puls gefühlt und dazu einen Visitationsbericht verfasst. Auffällig: Zur Gewinnung neuer Mitglieder wird nicht gerade viel gemacht – aus Angst, missionarisch zu wirken. Peter Schmid, Autor des Berichts, nimmt Stellung.

Mitglieder gewinnen und halten ist wichtig für die Kirchgemeinden. Im Bild die reformierte Kirche von Wintersingen, Kanton Baselland.
Mitglieder gewinnen und halten ist wichtig für die Kirchgemeinden. Im Bild die reformierte Kirche von Wintersingen, Kanton Baselland. (Bild: Wikimedia/Roland Zumbühl)

Von den 35 Baselbieter Kirchgemeinden bemühen sich 23 weder um ehemalige Mitglieder noch um potenzielle neue. «Mit dem Verzicht auf Gewinnungsarbeit kann sich kaum eine Gruppierung in unserer hoch beweglichen und vielfältigen Gesellschaft halten», heisst es dazu im Bericht. Ist die Passivität bei der Mitgliedergewinnung nicht bedenklich?
Peter Schmid: Es geht um eine schlichte Feststellung und nicht um eine Bewertung. Wir rechneten mit einem andern Ergebnis. Ich präzisiere zudem, dass wir nach einer regelmässigen Bearbeitung des Themas fragten.

 

Mit welchem Ergebnis haben Sie denn gerechnet?
Dass die Mitgliedergewinnung ein deutlicheres und systematischer behandeltes Thema in den Kirchgemeinden ist. Jetzt ist sie personenabhängig und zufällig.

 

Warum tun die 23 Kirchgemeinden nichts zur Gewinnung von ehemaligen oder neuen Mitgliedern?
Sie tun mehrheitlich nicht einfach nichts; insbesondere im Zusammenhang mit Kasualien ist das Einladen zu einem Wiedereintritt gewiss ein Thema. Deutlich wurde auch, dass die Zurückhaltung mit einem veralteten Missionsverständnis begründet wurde.

 

Wie ist das zu verstehen?
Es scheint, dass der Missionsgedanke noch stark mit der Idee der Unfreiwilligkeit und des Zwanges verbunden ist, mit überholten inneren Bildern, die nichts mehr mit der Wirklichkeit zu tun haben.

 

Man schämt sich für die eigene Missionsvergangenheit?
So würde ich es nicht sagen. Aber da sitzt eine Erfahrung ganz tief, die nicht durch eine selbst erlebte, repressive Missionserfahrung gedeckt ist. Man will seinen Glauben keinesfalls aufdrängen, lebt eine noble reformierte Zurückhaltung, die früher ja durchaus sinnvoll war. Da ist weder Bequemlichkeit noch Trägheit dahinter. Aber wir müssen diese wohlanerzogene Bescheidenheit verlassen und Begeisterung zeigen.

 

Wie wenn man für einen Sportverein werben würde?
Ja, dort kann der Beworbene ja einfach sagen, er sei unsportlich, und das ist kein Problem für beide Seiten. Beim Werben für unsere Glaubensgemeinschaft sind wir offenbar gehemmt. Es scheint, dass die Kirchgemeinden Angst haben, dass schon die Frage nach Religion seltsam empfunden wird. Dabei ist doch klar: Wer jassen will, muss drei andere fragen und nicht warten, bis sie von alleine kommen.

 

Was tun die anderen zwölf Kirchgemeinden zur Mitgliedergewinnung?
Sie werben zum Beispiel in den Publikationen der Einwohnergemeinde für den Kircheneintritt oder pflegen im Umfeld mit Kasualien gezielt eine Einladungskultur für Ausgetretene. Und sie sprechen Nichtmitglieder direkt auf eine Mitgliedschaft an und begnügen sich nicht mit dem Verständnis für die Nichtmitgliedschaft.

 

Es geht aber auch darum, die bisherigen Mitglieder zu halten. Im Visitationsbericht heisst es dazu: «Wertschätzende Zeichen gegenüber den Kirchensteuerzahlenden, die nicht aktiv am Gemeindeleben teilnehmen, werden kaum genannt.»
Vermutlich ist in den Köpfen stark verankert, dass alle Mitglieder jederzeit zu allen Aktivitäten eingeladen sind; die direkte Mitwirkung aber freiwillig ist. Das stimmt ja so auch. Der Gedanke, dass auch eine stille Mitgliedschaft vollwertig ist und mit einem Zeichen der Verbundenheit gewürdigt werden kann, ist noch ungewohnt.

 

Agieren die Kirchgemeinden, als wären sie noch in den 1960er-Jahren?
Nein. Aber gefühlt kommt das manchmal schon so rüber. Sie agieren so, als wäre es immer noch ganz selbstverständlich, dass alle in einer Landeskirche sind.

 

 Das Reden über den eigenen Glauben ist zentral für die Mitgliedergewinnung…
Ja. Wer sich nicht verständlich artikulieren kann, überzeugt und begeistert nicht. Wenn ich jemanden für einen Fussballklub gewinnen möchte, muss ich erklären können, was Fussball ist und warum gerade mein Klub der beste ist.

 

Die Baselbieter Kantonalkirche hat mit dem Eintrittsportal «kircheneintritt.ch» eine Pionierleistung dazu erbracht. Warum findet dieses Projekt keine Erwähnung bei den Kirchgemeinden? Hat die Kantonalkirche zu wenig darüber kommuniziert?
Ganz im Gegenteil. Die Eröffnung des Portals war eingebettet in eine grössere, wahrnehmbare Kampagne. Die Feststellungen der Visitationskommission helfen aber, das Portal erneut auf die Tagesordnung zu setzen.

 

Sie sind nicht nur Präsident der Visitationskommission, sondern auch Vizepräsident des Kirchenbundes SEK. Beschäftigt er sich auch mit Mitgliedergewinnung?
Nicht direkt, man kann ja nicht Mitglied beim SEK werden. Aber indirekt schon: Indem er uns hilft, sprachmächtig über den eigenen Glauben zu reden und damit zu überzeugen.

 

Der Visitationsbericht ist hier   erhältlich. Am Donnerstag, 12. November, wird er Interessierten vorgestellt (im Kirchgemeindehaus in Pratteln um 19 Uhr). Er wird zudem an der Synode vom 25. November in Liestal diskutiert.

 

 

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

 

Matthias Böhni/ref.ch