Wenn Wohnungen für Flüchtlinge «zu schön» sind

Ein Ehepaar wollte in Nidwalden Wohnraum für Flüchtlinge vermieten. Das zuständige Amt zeigte sich interessiert, beschied dann, die Wohnungen seien «zu schön». Eine Nachfrage fördert weitere Gründe zutage. Eine Spurensuche in Nidwalden.

«Zu schön» für Flüchtlinge? Das Haus des Ehepaars Blättler in Hergiswil.
«Zu schön» für Flüchtlinge? Das Haus des Ehepaars Blättler in Hergiswil. (Bild: Google Street View)

Valérie und Joe Blättler besitzen ein Haus mit drei Wohnungen in Hergiswil, selber wohnen sie im Entlebuch im Kanton Luzern. Ihre Söhne planen, das Haus in ein paar Jahren zu renovieren. Die Blättlers lasen im «Interkantonalen Kirchenboten», dass der reformierte Aargauer Kirchenratspräsident Christoph Weber-Berg die Kirchgemeinden aufgerufen hat, ungenutzte Liegenschaften für Flüchtlinge bereitzustellen.

Eine gute Idee, dachten sie. In der Zwischenzeit könnten doch Flüchtlinge in dem 55-jährigen Haus leben, und so meldeten sie im Mai die drei Vierzimmerwohnungen dem Nidwaldner Amt für Asyl und Flüchtlinge.

Vor den Kopf gestossen

Ein Mitarbeiter des Amts besichtigte die Wohnungen, befand sie als geeignet für Familien und «machte uns Hoffnungen», erzählt der Elektriker Joe Blättler. Er habe deshalb anderen Mietinteressenten abgesagt. Doch nach zwei Wochen kam telefonisch der Bescheid, die Wohnungen seien «zu schön».

Zu schön? Die Blättlers waren vor den Kopf gestossen: «Da hört man immer am Fernsehen, man solle Wohnraum für Flüchtlinge bereitstellen, und dann sind sie zu schön?» Eine Besichtigung via Google Street View zeigt, dass die Liegenschaft kaum unter die Kategorie «Luxushaus» fallen kann.

Eine Nachfrage bei Roger Dallago, dem Vorsteher des Nidwaldner Amts für Asyl und Flüchtlinge, ergibt ein etwas differenzierteres Bild. Blättlers Wohnungen seien vor allem deshalb nicht geeignet, weil der Bund Nidwalden momentan nicht Familien, sondern alleinstehende Personen zugeteilt habe: «Man kann ein Haus nicht mit alleinstehenden Männern füllen, das führt unweigerlich zu Problemen.» Zudem seien die Wohnungen, wie ein Mitarbeiter berichtet habe, in einem sehr guten Zustand. Joe Blättler stellt das etwas anders dar: Die untere Wohnung sei renovationsbedürftig, die oberste habe er kürzlich selber renoviert.

Anfragen werden oft abgelehnt

Der Bund könne, so Dallago, allerdings schon nächste Woche wieder Familien zuteilen. Dann müsse er plötzlich Unterkünfte für sie suchen, und die Wohnungen der Blättlers wären wieder interessant. Das Amt könne aber nicht auf Vorrat mieten. Zudem habe er gewisse Vorgaben und einen Kostendruck, und ebenso spiele die Mietdauer eine Rolle. Bei vier Jahren müsse er anders rechnen als bei zehn. Weitere Faktoren seien die Schulen, die Miethöhe, die Lage, die Nachbarschaft sowie die Verkehrsanbindung.

Bei Dallago, der das Amt seit 20 Jahren leitet, hört man eine gewisse Ernüchterung heraus. «Wir haben jedes Jahr 20 bis 30 Personen, die sich wie das Ehepaar Blättler melden, um Unterkünfte für Flüchtlinge anzubieten. Wir müssen die Anfragen sehr oft ablehnen, weil sie aus verschiedensten Gründen nicht passen.» Und längst nicht alle Anbieter handelten aus Solidarität, es gebe auch Spekulanten, die Bruchbuden zur Vermietung anpreisen. Der Kanton Nidwalden habe momentan 80 Wohnungen für Flüchtlinge gemietet.

Kritik von allen Seiten

Dallago werde deshalb oft angeschossen. «Entweder heisst es, wir nehmen den Einheimischen den Wohnraum weg, oder wir täten zu wenig für die Flüchtlinge.» Er begrüsst die Solidarität des Ehepaars Blättler und wäre froh, wenn sich noch noch mehr Leute in diesem Sinn engagierten. Dass er ihren Wohnraum momentan nicht mieten kann, bedauert er, und rät ihnen, eine andere Zwischennutzung bis zur Renovation zu suchen.

Joe Blättler jedenfalls kann das Ganze nicht verstehen. «Warum kann nicht eine Flüchtlingsfamilie aus einem anderen Kanton einziehen? So wäre doch allen geholfen.»

 

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

 

Matthias Böhni / ref.ch