Weihnachtsgeschichte Nr. 5: Ein abgestürzter Engel

Marianne Vogel Kopp erzählt im Buch «Glück 1 bis 24» von Menschen, die auf je eigene Weise vom weihnächtlichen Glanz gefunden wurden. ref.ch bringt daraus fünf Erzählungen. Heute: Wie einem Telefon 143 an Weihnachten retten kann.

Rutscht der rechte Engel ab?
Rutscht der rechte Engel ab? (Bild: Wikimedia/Kotivalo)

 

Ein abgestürzter Engel

 

Stella stapft durch ihren Loft in die Küche und reisst die paar wenigen Schranktüren auf. Heiligabend – aber ausser zwei Mandarinen und einer Flasche Grand Marnier findet sie nichts Brauchbares. Stella schnappt sich ein Glas und auf dem Weg zum Sofa auch noch die Fernbedienungen ihrer beiden Fernseher.

Die Familienweihnacht bei ihrem Bruder eben war ein totaler Flop. Die junge Frau schlingt eine Wolldecke um sich, zieht die Beine hoch und räkelt sich zurecht. Sie ist davongelaufen, noch vor dem Dessert, aber sie hatte da wirklich nichts mehr verloren.

Beide Bildschirme leuchten. Gebannt schaut Stella zu, wie ein betrunkener Weihnachtsmann versucht, mit Schaufel und Besen seinen im Schnee versunkenen Cadillac freizulegen, während daneben ein Knabenchor alte Weihnachtslieder singt.

Girls in Bikinis

Die Mischung kommt ihr gelegen, etwas Vertrautes und etwas zum Lachen. «So …», sagt sie und prostet dem amerikanischen Santa Claus zu, «ich, du … und diese sympathische Flasche hier … wir feiern jetzt noch richtig Weihnachten zusammen!» Stella zappt weiter. Werbung mit Vorzeigefamilien, elegante, warmherzige Menschen … eine Geburtsabteilung in einem Spital, rosig runzelige Gesichter … Girls in sternenübersäten Bikinis am Miramar-Strand von Goa … ein Tierfilm mit sprechenden Katzen … ein ungehobelter Kerl mit Flügeln auf der Ladefläche eines Pick-ups … Stella stellt den Ton lauter. «Hallo Kollege!» Sie hebt ihm ihr Glas entgegen. «Auch abgestürzt …?»

Ein Frösteln überkommt Stella, erst deutet es sich nur als zarte Gänsehaut auf ihren Armen an, doch es beginnt sich auszubreiten, kriecht über ihren Nacken den Hinterkopf hinauf und huscht über ihren Rücken hinunter.

Sie muss das Glas auf den Boden stellen und kippt dabei um ein Haar vornüber. Fall. Freier Fall. Sinkflug. Aufprall. – Das erinnert sie erbarmungslos an ihre Schaffenskrise. So etwas will eine Performance-Künstlerin sein? Jetzt klappert sie nur noch mit den Zähnen und bejammert, dass ihr kein Höhenflug mehr gelingen will …

Unerträglich

Nun plärrt auch noch eine Operndiva älteren Semesters «Jingle Bells». Unerträglich. Stella schaltet beide Fernseher aus. Nun erhellt einzig noch eine Neonröhre ihren Wohn- und Arbeitsraum in seinem ganzen Durcheinander. Das kalte Licht verstärkt Stellas Schauder. Die Stille nimmt ein bedrohliches Ausmass an. Verzweifelt suchen ihre Augen den Raum ab. Das Telefon … ihr Rettungsanker.

Richtig … Wozu dieses Meer von elektromagnetischen Wellen über die ganze Welt hin? Sie ist in Wirklichkeit gar nicht allein. Wozu hat man denn Freunde? Doch genau für so ein Liebesdefizit an einem vermasselten Heiligabend. Obwohl … sind da nicht alle mit ihrem eigenen Familienknatsch beschäftigt?

Wähle 143

Stella erhebt sich mitsamt ihrer wollenen Umhüllung. Sie schleift sie hinter sich her, als sie das Funktelefon holt. Auf der Pinnwand über der Ladestation leuchtet ein rot umrandetes Herz. Wie ist denn die Visitenkarte der «Dargebotenen Hand» dorthin gelangt? Die hat sie wahrscheinlich aus Jux selbst dort befestigt. Spontan wählt Stella die Kurznummer 143. Die bieten ihre Hand, ihr Ohr an, auch gerade in heiklen Nächten. Also nur zu. Eine sonore Männerstimme meldet sich.

«Oh, ein Mann», haucht Stella, «darauf war ich gar nicht gefasst … Machen da nicht nur Frauen mit?»

«Sie sind in der Überzahl in dieser ehrenamtlichen Tätigkeit, da haben Sie durchaus Recht. Ist es für Sie ein Problem, mit einem Mann zu sprechen?»

«Nein … nein, wirklich nicht … überhaupt nicht. Ich mag Männer … sehr sogar …»

«Aber jetzt sind Sie allein?»

«Stimmt … Sind Sie hellsichtig?»

«Ich nehme an, dass Sie nicht einen anonymen Gesprächspartner anrufen würden, wenn ein bekannter in der Nähe zur Verfügung stünde.»

«Leuchtet mir ein … Fröhliche Weihnachten, übrigens … auch für Sie.»

«Und wie geht es Ihnen mit dieser Weihnacht?»

«Ich bin ein Engel, müssen Sie wissen. Bis jetzt bin ich immer geflogen, mein ganzes Leben lang … Ich habe geleuchtet, beglückt, bezaubert mit meinen Flugkünsten. Aber seit einer Weile ist Sinkflug angesagt …»

«Sind Sie schon gelandet?»

«Möglich.»

«Bruchlandung?»

«So ähnlich.»

«Sind Sie beschädigt?»

«Ach, es geht so … ein bisschen lädiert … aber nichts Ernstes … und einigermassen beschwipst. Merkt man das?»

«Möchten Sie mir erzählen, was passiert ist? So ein Engel kommt doch aus einer ganz anderen Welt und fühlt sich sicher ziemlich fremd auf Erden.»

«Ach nein, reden wir nicht über traurige Dinge … es ist doch Heiligabend.»

«Sitzen Sie bei Kerzenschein zuhause?»

«Kerzen … nein, nur eine grelle Neonröhre schwebt über dem Chaos meiner Wohnung. Sie grinst hämisch von oben herab.»

«Möchten Sie vielleicht eine Kerze anzünden und dieses freche Licht ausschalten?»

«Wunderbare Idee. Bleiben Sie dran?»

«Gewiss.» …

«So, jetzt sieht es viel besser aus hier. War ein Glücksfall, dass ich gerade Sie antraf. Sie spüren, was ich brauche … Sind Sie hier in Bern?»

«Ja.»

«Könnten Sie nicht bei mir vorbeischauen, wenn Sie mit diesem Telefondienst fertig sind?»

«Mein Angebot besteht ausschliesslich aus Zuhören …»

«Das mit der Kerze war genau das Richtige. Wo vorher dieses grauenhafte Durcheinander war, ist es jetzt einfach nur noch schön dunkel.»

«Das Dunkel ist manchmal tröstlich.»

«Ich mag es nicht, normalerweise. Ich brauchte schon als Kind immer ein Nachtlicht.»

«Aber inzwischen mögen Sie es ein wenig? Wir verändern uns ja. Und unsere Kinderängste wandeln sich.»

«Rufen bei Ihnen nur Leute mit Problemen an?»

«Mehrheitlich … ja.»

«Ich habe nicht wirklich welche.»

«Und doch haben Sie etwas auf dem Herzen …»

«War schön, Sie kennengelernt zu haben. Vielen Dank für das romantische Gespräch bei Kerzenschein. Für das nächste Mal stelle ich einen Wein kalt.»

«Schlafen Sie gut in dieser heiligen Nacht. Sie als Engel kennen ja die Botschaft: Fürchtet euch nicht!»


 

Buchhinweis: Marianne Vogel Kopp: Glück 1 bis 24. Weihnachtsgeschichten der Gegenwart. TVZ 2015. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags. Bestelllink

Die Autorin Marianne Vogel Kopp, Jahrgang 1959, ist als Theologin freiberuflich tätig mit den Schwerpunkten feministische Theologie, Bibliodrama, Liturgie und Enneagramm. Sie hat zwei Entwicklungsromane verfasst und lebt in Spiez.