Evas Sorgenbündel
Vorsichtig tastet sich Eva den schmalen Pfad zum Fluss hinunter. Auf der Halbinsel ragen die Pappeln still und reglos in den Himmel. Sie setzt sich auf ihre Lieblingsbank am Ufer und nimmt das grosse Schweigen dieser besonderen Nacht wahr. Kein Rauschen des Windes, keine einzige Vogelstimme, kein Gewisper der silbernen Blätter über ihr, von dem sie sich an Sommerabenden so gern einlullen lässt.
Nur Stille. Und dieser nimmermüde Fluss, der schwarz und unergründlich vorüberzieht. Den lässt selbst Heiligabend ungerührt, der erwartet nichts, warum sollte er auch, denkt Eva, der verspürt keine Sehnsucht, braucht nicht gerettet zu werden.
Ach, Frau Zengg!
Die Sitzbank ist eisig kalt, Eva fröstelt und schiebt sich die lange Jacke noch besser unter. Bloss nicht daran denken, dass ich friere, sonst rückt mir Frau Zengg auch hier noch auf die Pelle und drängt mir eine wollene Decke auf.
Frau Zengg ist Evas Vermieterin, sie ist verwitwet und kümmert sich intensiv um ihre zwei Mietparteien. Der alleinstehende, ältere Krankenpfleger im ersten Stock hat unregelmässig Dienst und weiss sich auf derart geschickte Weise von der neugierigen Hausbesitzerin im Parterre abzugrenzen, dass es Eva ganz neidisch macht.
Sie selbst ist vor zwei Jahren in die grosszügige Wohnung unter dem Dach eingezogen, als sie im Städtchen eine Stelle als Lehrerin bekam. Dass Frau Zengg jüngst die Frechheit besass, in der Waschküche ihre trockene Wäsche von der Leine zu nehmen und in den vorgesehenen Korb zu stapeln …
Gesprächsbedürfnis
Eva verzieht das Gesicht. Sie kann es nicht ausstehen, dass sie von Frau Zengg beobachtet und ungeheissen bemuttert wird. Sie hat Verständnis für das Gesprächsbedürfnis der alten Frau, die kinderlos und seit Jahren verwitwet ist.
Eva kann ihre Einsamkeit nachvollziehen, dennoch versucht sie sich bedeckt zu halten. Sie kann doch nicht als deren Familienersatz herhalten! Nun wird die anlehnungsbedürftige Frau immer zudringlicher. Frau Zengg passt sie ab, kennt ihren Stundenplan mittlerweile so gut, dass Eva sich gezwungen sieht, ihren Unterricht im Schulhaus vorzubereiten, um später irgendwann unbemerkt ins Haus zu schlüpfen.
Der ungewollte Christstollen
Heute aber, am 24. Dezember, dem ersten Tag der Weihnachtsferien, hat Frau Zengg den Bogen schlicht überspannt. Schon morgens um neun klingelte sie bei Eva Sturm, bloss um sie mit einem unappetitlichen Christstollen zu überfallen.
Als Eva ihr schliesslich widerwillig im Morgenmantel die Türe öffnete, musste sie sich auch noch den spitzen Vorwurf gefallen lassen, sie habe ihre Wohnung gar nicht richtig weihnächtlich geschmückt und ob sie sich dieses Jahr kein Bäumchen gönne. Die spazierte doch tatsächlich bei ihr herein, schnüffelte herum, spionierte alles aus.
Halb ist Eva empört, halb hat sie schon resigniert. Eva hört den Glockenschlag der grossen Kirche; erst Viertel nach zehn, sie ist noch viel zu früh für die Christnachtfeier um elf. Aber statt in den Fluss zu starren und an ihren Sorgen herumzukauen, könnte sie sich trotzdem schon auf den Weg zur Kirche machen, an der Wärme auf die Feier warten, zuschauen, wie die Kerzen am Baum angezündet werden und immer mehr Menschen den Raum bis auf den letzten Platz füllen. Bleibt nur zu hoffen, dass Frau Zengg sie nicht auch dort noch aufspürt und bedrängt.
Ein Gesicht in der Dunkelheit
Da raschelt es hinter Eva und ein Mann, dessen Gesicht sie in der Dunkelheit nicht erkennt, setzt sich ungefragt neben sie auf die Bank. Sein Alter ist schwer abzuschätzen, Wollmütze trägt heute jeder. Evas Herz schlägt bis zum Hals: Eine schneelose, dunkle Winternacht am Fluss, da kann ein Mann einer Frau so ziemlich alles antun …
Obwohl sie sich verzweifelt dagegen wehrt, überfallen Eva die grausigsten Fantasien. «Keine Panik, Eva, ich bin es», beruhigt Silvan sie. Zu ihrer grossen Erleichterung ist es nur der Pflegefachmann aus der Wohnung unter ihr. «Ich bin dir gefolgt, weil … ich irgendwie das Gefühl hatte, es sei nötig.» Eva schüttelt nur den Kopf und bleibt stumm. «Darf ich dir eine kleine Geschichte erzählen? Sie stand gestern im Adventskalender meiner Abteilung und wird heute Nacht vielleicht deine Geschichte …», fragt Silvan vorsichtig.
Eva seufzt hörbar. Soll sie sich nun freuen über so viel unerwartete Zuwendung oder ist hier schon wieder ein Übermass an Fürsorge im Gang? Wirkt sie dermassen schutzbedürftig?
Silvans Geschichte
Silvan wertet ihr Schweigen als Zustimmung und beginnt ohne weitere Umschweife zu erzählen: «Es gab einmal ein Erdbeben. Sehr viele Menschen starben und landeten vor der Himmelspforte. Petrus schloss auf und bat erst einmal alle in die Vorhalle herein. Er hiess sie, das Sorgenbündel, das jede und jeder trug, auf den Boden abzusetzen und es sich bequem zu machen, hier oben dürften sie ganz unbeschwert sein. Dann griff Petrus zum grossen Buch, in dem alle verzeichnet sind.
Doch bald runzelte er die Stirn, schüttelte den Kopf und liess seinen Blick über die Menge der Neuankömmlinge gleiten. Es tue ihm unendlich leid, sagte er zu den Menschen, aber da sei dem Himmel ein Fehler unterlaufen. Für sie sei es nämlich noch gar nicht an der Zeit, dass sie sterben sollten. Sie müssten sofort wieder zurück auf die Erde.
Tanz der Sorgenbündel
Immerhin gebe es für die Umtriebe eine kleine Entschädigung. Jede und jeder dürfe ein beliebiges aus den herumstehenden Sorgenbündeln auswählen und mit hinunternehmen, es brauche nicht das eigene zu sein. Es gab ein kurzes Gerangel unter den Anwesenden, jede und jeder schnappte sich sein eigenes Sorgenbündel.
‹Hände weg, das gehört mir! Das ist meins!›» Dann bleibt es still auf der Bank am Flussufer. Eva lauscht der Geschichte nach. Die Stille ist wohltuend. Sie ist Silvan dankbar, dass er sie nicht mit weiteren Erklärungen behelligt.
In diesem Moment setzen die Glocken der Kirche ein. Heiligabend, heilige Nacht, denkt Eva, geht da nicht denen, die im Finstern sitzen, ein Licht auf? Es raschelt erneut neben ihr, Silvan ist aufgestanden und macht sich nach einer angedeuteten Verbeugung wortlos davon.
Herzraum
Auch Eva richtet sich auf. Nach einer Weile sagt sie laut und mit einer Klarheit, die sie selbst überrascht: «Ade Sorgenbündel. Ade Frau Zengg. Ich werde kündigen! So einfach ist das.» Ihr Kopf fühlt sich frei an und ihr Herzraum ist weich und gelöst wie schon lange nicht mehr. Lächelnd stapft Eva die Böschung hinauf in Richtung Kirche.
Buchhinweis: Marianne Vogel Kopp: Glück 1 bis 24. Weihnachtsgeschichten der Gegenwart. TVZ 2015. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags. Bestelllink
Die Autorin Marianne Vogel Kopp, Jahrgang 1959, ist als Theologin freiberuflich tätig mit den Schwerpunkten feministische Theologie, Bibliodrama, Liturgie und Enneagramm. Sie hat zwei Entwicklungsromane verfasst und lebt in Spiez.