Das Weihnachtsoratorium
Das Münster ist besetzt bis auf den letzten Platz, schwaches Abendlicht dringt durch die Fenster der Hochwand und wirft matte Schimmer über den rötlichen Sandstein. Im unüberschaubaren Meer von Köpfen hält Ruedi von der Chortribüne hinunter Ausschau nach Annette, vergeblich, er kann seine Tochter nirgends erspähen. Er ist gespannt, Annette will ihnen heute Abend ihren neuen Freund vorstellen, nach dem Konzert trifft man sich zum Essen.
Aber zunächst ist Musik angesagt: Zum vierten Adventssonntag werden die ersten drei Teile von Bachs Weihnachtsoratorium geboten. Das Licht in den Kirchenschiffen verlöscht und gleichzeitig hören die Musiker auf ein Zeichen der Konzertmeisterin hin damit auf, ihre Instrumente zu stimmen. Der Chor erhebt sich. Ruedi rückt seine Lesebrille zurecht und erwidert das Lächeln seiner Frau Doris, die ihm aus den Sopranreihen erwartungsvoll zunickt.
«Jauchzet, frohlocket!»
Applaus setzt ein, die Solisten samt Dirigent treten auf und nehmen ihre Plätze ein. Gebannte Stille füllt nun den Raum, verdichtet in der völlig reglosen Gestalt des Dirigenten mit ausgespannten Armen. Endlich die erlösenden Paukenschläge, der Bläsereinsatz, wellenförmig schwellen die Streicher an, der Chor folgt. Gemeinsam versetzen sie das Münster in einen Klangrausch mit «Jauchzet, frohlocket!»
Nach dem stürmischen Auftakt darf der Chor sich setzen. Alle Köpfe wenden sich nun zur Kanzel hin, wo der Evangelist mit samtweicher Stimme sein erstes Rezitativ beginnt. Ruedi lächelt und ist erstaunt, wie schön dieser gesungene Bibeltext wirkt. Die Pfarrer sollten mehr singen dort oben, denkt er, ihre Botschaft käme viel attraktiver daher.
«Bereite dich, Zion, mit zärtlichen Trieben», fordert die Altistin wenig später mit warmer Stimmgebung auf. Fast hätte diese sinnliche Einladung Ruedi davongetragen, wäre sein Blick in diesem Moment nicht auf Erich gefallen, der im Tenor drüben sitzt. «Zärtliche Triebe …»
Aus der Firmenkasse gestohlen
Genau, solche Triebe hätten ihn damals angestiftet, als sie beide noch im selben Betrieb arbeiteten und aufflog, dass Erich, der Buchhalter, fünfundzwanzigtausend Franken aus der Firmenkasse abgezweigt hatte. Aus zärtlichen Trieben eben, für seine Frau, die schwer an Rheuma litt und der Erich damit Aufenthalte im günstigen Klima von Gran Canaria ermöglichte.
Liebe hin oder her, denkt Ruedi, gestohlen bleibt gestohlen. Aber der hat seine Strafe dafür gekriegt. Und eigentlich ist er ein armer Kerl seither. Er weiss, dass Erich nie mehr richtig Tritt gefasst hat in der Arbeitswelt. Er jobbt bei einer Sozialfirma, die der ehemalige Münsterpfarrer gründen half. Dieser singt schon lange im Chor mit. Er war es auch, der Erich angeschleppt hat, erinnert sich Ruedi.
«Wie soll ich dich empfangen»
Der Choral «Wie soll ich dich empfangen» unterbricht Ruedis missmutige Gedanken. Hinterher ist er milder gestimmt. Was kümmert ihn denn dieser Erich noch, wenn er doch heute Hannes kennenlernt, von dem Annette in den höchsten Tönen schwärmt. Es ist ihr Ernst, das spürt er als Vater deutlich.
Sie hat sich lange Zeit bedeckt gehalten, verweigerte sich mindestens ein halbes Jahr lang der elterlichen Neugierde. Aber demnächst lüftet sie das Geheimnis, dürfen sie den Supermann endlich kennenlernen. Ja, «wie soll ich dich empfangen», Hannes, der du auf dem besten Weg zum Schwiegersohn bist? Nicht so einfach, dir meine einzige, unvergleichliche Tochter zu überlassen!
Die Bass-Arie holt Ruedi in die Gegenwart zurück, «der höchste König muss in harten Krippen schlafen». Auch Gott hatte es noch nie leicht mit seiner Welt, geht Ruedi durch den Kopf, vielleicht hat er Johann Sebastian Bach deshalb zu solch wundervoller Musik inspiriert, um sich selbst damit zu trösten.
«Wohlgefallen an den Menschen»
Vor dem dritten Teil des Oratoriums ist eine längere Pause eingeplant. Der Chor tritt ab, auch das Publikum regt sich. Doris schenkt Ruedi im geschützten Chorraum hinter der Bühne aus der Thermosflasche Ingwertee in einen Becher: «Hast du Annette und ihren Liebsten schon zu Gesicht bekommen?» Ruedi verneint.
Doris kehrt zu ihren Sopran-Kolleginnen zurück, während er im Chorgestühl Platz nimmt. Noch hallt «das und den Menschen ein Wohlgefallen» in Ruedi nach. Wohlgefallen, an den Menschen, nein, nichts, womit er gesegnet wäre. Er ist toleranter geworden mit den Jahren, das schon, aber deswegen kann er noch längst nicht jeden einfach so annehmen, wie er ist. Seine Wertvorstellungen sind noch immer hoch, unerreichbar hoch, würde seine Frau einwenden. Aber der Mensch braucht doch einen Ansporn, um sich zu verbessern.
Hat er, Ruedi, eigentlich ein Wohlgefallen an sich selbst? Ruedi stöhnt und fühlt sich ertappt von seinem inneren Kritiker. Ach, immer wieder stolpert er darüber: Da setzt er Menschen wie diesen Erich herab, bloss weil er immer noch nicht begreifen will, dass die Erde kein Paradies ist, dass Dunkles und Helles vermischt sind, auch in ihm selbst … gerade in ihm selbst.
«Herrscher des Himmels, erhöre das Lallen»
Ruedi schlürft den Tee. Auf der anderen Chorseite sieht er Erich in einem Männerkreis stehen. Sie unterhalten sich angeregt. Die verteilen ihr Wohlgefallen deutlich lockerer als er, stellt Ruedi mit leisem Verdruss fest. «Herrscher des Himmels, erhöre das Lallen», in den dritten Teil des Weihnachtsoratoriums steigen die Tenöre solistisch ein, die Bassstimmen müssen sich noch etwas gedulden.
Ruedi spürt die Energie, mit der ihn diese Musik erneut durchströmt. «Lass dir die matten Gesänge gefallen», ja, er will jetzt einfach nur noch singen, alles Grübeln lassen und nichts als Teil dieses grossen Klangkörpers sein. Kraftvoll stimmt er in den Aufruf ein: «Lasset uns nun gehen gen Bethlehem.»
Als später die beiden Oboen d’Amore einsetzen und die Sopranistin und der Bass sich in Ruedis Lieblingsduett musikalisch umschmeicheln, wird ihm ganz warm: «Herr, dein Mitleid, dein Erbarmen tröstet uns und macht uns frei.» Auch und vor allem frei von mir selbst, denkt Ruedi, damit ich mir nicht länger selbst im Weg stehe.
Die Wundertüte
Derart weihnächtlich eingestimmt, geht Ruedi nach dem Konzert auf Annette zu, die im Gewühl beim Seitenausgang bereits von ihrer Mutter ans Herz gedrückt wird. Die Tochter schlingt die Arme um den Hals ihres Vaters.
«Ihr habt euch mächtig ins Zeug gelegt», sagt sie nahe an seinem Ohr, «es war einfach wunderbar!» – «Und, wo steckt jetzt deine Wundertüte?», fragt Ruedi seine Tochter, er kann weder seine Ungeduld noch seinen Gefühlsaufruhr verbergen. «Das ist Hannes», stellt Annette den jungen Mann vor, den sie am Ärmel heranzieht.
Ruedis kritischer Blick trifft auf zwei klare, ruhige Augen, die ihm freundlich standhalten. «Ich bin der Ruedi.» Er streckt Annettes Freund die Hand entgegen und weiss sofort, dass auch ihm dieser Mann gefällt. «Annette und ich haben uns gedacht, es wäre schön, wenn heute Abend auch mein Vater mitkommen könnte. Meine Mutter wäre sicher auch gern dabei gewesen, sie verstarb leider vor vier Jahren.» – «Schade», nickt Ruedi, «aber schön, dass wenigstens dein Vater da ist.»
«Sei uns willkommen!»
Hannes tritt zur Seite. Das Lächeln des Älteren erstarrt einen Sekundenbruchteil lang, ein Abgrund scheint sich zu öffnen, aber anstatt ihn zu verschlingen, steigt eine Klangwolke aus ihm auf: Herr, dein Mitleid, dein Erbarmen tröstet uns und macht uns frei … Ruedi atmet durch, dann umarmt er den hageren Mann vor ihm und klopft ihm auf die Schulter: «Du, Erich? Na, so was. Sei uns willkommen!»
Buchhinweis: Marianne Vogel Kopp: Glück 1 bis 24. Weihnachtsgeschichten der Gegenwart. TVZ 2015. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags. Bestelllink
Die Autorin Marianne Vogel Kopp, Jahrgang 1959, ist als Theologin freiberuflich tätig mit den Schwerpunkten feministische Theologie, Bibliodrama, Liturgie und Enneagramm. Sie hat zwei Entwicklungsromane verfasst und lebt in Spiez.