Weihnachtsgeschichte Nr. 1: Der himmlische Radar

Marianne Vogel Kopp erzählt im Buch «Glück 1 bis 24» von Menschen, die auf je eigene Weise vom weihnächtlichen Glanz gefunden wurden. ref.ch bringt daraus fünf Erzählungen. Heute: Wie eine Konfirmandenklasse mit einem Trick Beziehungen stärkt.

Wellen auffangen - des Weltalls oder der Zuneigung. (Bild: L. Chang/Wikimedia)

 

Der himmlische Radar

 

Der Wasserkocher rauscht. Evi giesst Kräutertee auf und stellt die Henkeltasse auf den Küchentisch. Sie sinkt auf die Sitzbank nieder und stützt den Kopf in die Hände. In ihr rattert die Liste durch mit dem, was sie in den Tagen vor Weihnachten noch erledigen muss. Jetzt könnte sie sich dahinter machen. Eben hat Sonja, das Hütemädchen, ihre beiden Buben abgeholt. Ohne Quengelei und Gezänk der kleinen Schlingel ginge ihr die Arbeit leichter von der Hand.

Evi schnuppert. Der Tee duftet. Aber da mischt sich noch etwas anderes ein. Sie nimmt die seltsame Karte zur Hand, die sie am Morgen im Milchkasten gefunden hat. Handgeschöpftes Papier mit getrockneten Blütenblättern und der Aufschrift: «Ich habe dich auf dem Radar. Ein himmlischer Bote».

Lavendel und Meer

Tatsächlich, der Bogen riecht nach Lavendel und Meer, nach Sommer, Wind und Weite. Die junge Mutter schliesst die Augen und saugt die Düfte ein. Sie gibt dieser Entspannung nach und gönnt sich spontan einen kleinen Erholungsschlaf auf dem Sofa. Dieser ‹himmlische Radar› hat bestimmt nichts dagegen einzuwenden.

Alex schaut fassungslos auf die Heckscheibe seines BMWs. Da hatte jemand die Frechheit, mit Lippenstift ‹Ich habe dich auf dem Radar. Ein himmlischer Bote› hinzuschmieren. Vandalen? Er schwingt die Aktentasche auf den Beifahrersitz und greift nach der Box mit den Reinigungstüchern. Oder eine Anmache? Er lächelt breit, als er den Schriftzug abwischt.

Die fehlenden Enkelkinder

Vielleicht die Neue aus der juristischen Abteilung? So viel Romantik hätte er ihr gar nicht zugetraut. Hat sich herumgesprochen, dass er schon wieder Single ist? Sollte er der ‹himmlischen Botin› morgen eine Rose aufs Pult stellen? Mit einem ebenfalls verschlüsselten Kartengruss? Vielleicht ‹Vom angepeilten Objekt deines elektromagnetischen Wellensignals›?

Nach der Dusche massiert die Spitex-Pflegerin Linas Rücken. «Weisst du», gesteht die alte Frau, «dass ich keine Kinder habe, stört mich nicht. Aber was mir nun wirklich fehlt, sind Enkelkinder. Das tut weh.» Als sie später bequem im Lehnstuhl sitzt mit dem Frühstück in Reichweite, bittet Lina die Pflegerin, ihr noch die Post hereinzuholen und das Wichtigste vorzulesen.

«Das Herz schwächelt, das ist noch zu ertragen, aber dass nun auch die Augen streiken …» – «Du hast zwei Bettelbriefe und eine Weihnachtskarte, das ist alles.» – «Von wem?» – «‹Ich habe dich auf dem Radar. Ein himmlischer Bote› steht auf der Rückseite. Vorne schwebt ein Engel mit gewaltigen Flügeln.»

Immer wieder kehren Linas Gedanken im Lauf des Tages zum Engelsgruss zurück. Sie nimmt ihn als Wink des Himmels. Mit dem Tod hat sie sich längst angefreundet. Aber dass er sich so nett ankündigt, ist ihr neu.

Erlebnis im Stall

Es ist bereits dunkel, als Sonja mit den Buben zurückkehrt. Die Stimmen der Knirpse überschlagen sich beinahe, so beeindruckt sind sie vom Erlebnis im Stall. Sie durften die neugeborenen Kälblein streicheln, wurden sogar abgeleckt von ihnen und frische Kuhmilch gab es auch noch.

«Auf dem Hof von Müllers ist das kein Problem, die lieben Tiere und Kinder dort gleichermassen», beschwichtigt das Mädchen die junge Mutter. «Aber Sie sehen müde aus. Soll ich die Buben morgen Nachmittag nochmals entführen? Ich habe schulfrei.» – «Ich kann gar nicht ausdrücken, wie dankbar ich dir dafür bin.»

«Kannst du meine Schrift wirklich nicht lesen?»

Nachdenklich öffnet Alex sein Feierabendbier und schaut vom Wohnzimmerfenster erst auf die hell erleuchtete Strasse hinunter, dann lässt er seinen Blick zum Himmel hoch gleiten. Auch an seiner Wohnungstür klebte ein Zettel mit der Radar-Botschaft. Wer hat ihn im Visier? Nein, eben nicht bedrohlich im Visier, sondern freundlich auf dem Radar.

Er ist jemandem wichtig … Alex nimmt noch einen Schluck. Seit der Scheidung lebt er völlig selbstbezogen. Für wen sollte ich wichtig sein, fragt er sich, wenn ich selbst mich auf niemanden einlasse? Tim, durchzuckt es ihn. Doch, Tim, meinen Sohn, den sollte ich vermehrt auf den Radar nehmen … ihn orten. Genau, ihm einen Ort anbieten. Hat er nicht angedeutet, dass er lieber bei mir wohnen möchte, weil er sich mit seiner Mutter inzwischen nur noch streitet?

«Kannst du meine Handschrift wirklich lesen?», vergewissert sich Lina bei der jungen Nora. Die Tochter ihrer Spitex-Betreuerin hat sich freiwillig als Vorleserin angeboten. «Diese Reisetagebücher bedeuten mir viel. Ich bin ja ledig geblieben und habe hart gearbeitet. Meine paar Ausland-Erfahrungen waren wie Trauminseln im sonst öden Land. Und wenn du mir nun deine Augen leihst, um nochmals in die Erinnerung einzutauchen, machst du mich mehr als glücklich.» – «Ich bin selbst ganz gespannt auf Ihre Abenteuer», versichert Nora.

Wer hinter dem Radar steckt

«Und, wie ergeht es euch als himmlische Boten in geheimer Mission?», fragt die Pfarrerin in die Runde ihrer Konfirmanden. Der Reihe nach erzählen die jungen Menschen, wen sie mit dem ‹himmlischen Radar› angepeilt haben. Wenige warten noch auf eine Reaktion, die meisten sind bereits aktiv geworden. Nora erzählt begeistert von Erlebnissen aus den Reisetagebüchern der alten Lina.

«Den Buben und ihrer Mutter habe ich gestern beim Guetzlibacken geholfen», berichtet Sonja. «Die freuten sich riesig darüber.» Einzig Tim reagiert mit einem Schulterzucken. Enttäuscht zeigt er mit dem Daumen nach unten.

Quietschend hält Alex am Strassenrand. Tim wendet sich erschrocken um. Er sieht den BMW seines Vaters. Dieser winkt und deutet ihm an, einzusteigen. «Wie hast du mich bloss erkannt bei dieser Dunkelheit, Papa?» – «Irgendwie hatte ich dich auf dem Radar», tut Alex geheimnisvoll. «Hast du Zeit? Ich koche dir etwas. Und dann besprechen wir in Ruhe deinen Umzug zu mir.


 

Buchhinweis: Marianne Vogel Kopp: Glück 1 bis 24. Weihnachtsgeschichten der Gegenwart. TVZ 2015. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags. Bestelllink

Die Autorin Marianne Vogel Kopp, Jahrgang 1959, ist als Theologin freiberuflich tätig mit den Schwerpunkten feministische Theologie, Bibliodrama, Liturgie und Enneagramm. Sie hat zwei Entwicklungsromane verfasst und lebt in Spiez.