«Wegbegleitung»: Erfolgsmodell der Freiwilligenarbeit

Menschen in kritischen Situationen kompetent begleiten: Das will das Projekt «Wegbegleitung». Es gehört in manchem Kanton fest zur diakonischen Arbeit. Nun startet die Wegbegleitung auch im Kanton Zürich. Überdurchschnittlich viele Männer interessieren sich für das Projekt.

Zwei Personen im Gespräch.
Kann weiterhelfen: ein Gespräch innerhalb einer Wegbegleitung. (Bild: wikimedia)

Frau K. ist seit zwei Jahren von ihrem Mann getrennt. Sie lebt allein mit ihren beiden Kindern, arbeitet Teilzeit, ist finanziell in einer unsicheren Situation. Sie fühlt sich ausgelaugt. Herr R. lebt zurückgezogen in seiner Wohnung und kämpft oft mit Depressionen. Frau H. lebt seit vielen Jahren in der Schweiz. Mit der Sprache klappt es zwar recht gut, doch Rechnungen und Formulare schrecken sie ab. – In solchen Situationen beispielsweise kommt die Wegbegleitung ins Spiel. Freiwillige stehen diesen Menschen zur Seite, bieten Unterstützung oder haben ein offenes Ohr. Nicht jede Person findet das in ihrem Umfeld oder möchte es auch gar nicht dort finden.

Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft oder Religionszugehörigkeit, in schwierigen Lebenslagen ein Stück auf ihrem Weg begleiten, ist der Sinn der Wegbegleitung. Sie ist sinnvoll für Menschen, die beispielsweise durch Trennung, Krankheit, Behinderung oder seelische Belastungen in kritische Situationen geraten sind. Die Begleitung erfolgt durch freiwillige Personen und ist kostenlos. Sie umfasst einen längeren oder kürzeren Einsatz mit einer klaren Befristung, bis sich die Sache erledigt hat, das Problem gelöst ist oder eventuell mit neuen Zielen weiterbearbeitet wird.

Kompetente Freiwillige

Für eine Wegbegleitung braucht es nicht Fachleute, sondern kompetente Freiwillige. Sie werden nach einem Vorgespräch in einem vierteiligen Einführungskurs auf ihre Aufgabe vorbereitet und auch danach weiter unterstützt. Jede Wegbegleitung basiert auf einer Vereinbarung, welche die Aufgabe und die Dauer einer Begleitung festhält. Normalerweise dauert eine Begleitung drei bis sechs Monate.

Die Ökumenische Wegbegleitung Kanton Zug besteht seit 1989. «Nahe sein in schwerer Zeit» nannte sich das Team von Interessierten, aus dem die Wegbegleitung vor 25 Jahren entstanden ist. Ihnen war es ein Anliegen, der Vereinsamung in den eigenen vier Wänden entgegenzuwirken. Zugleich war es eine Antwort auf den Rückgang der einst verbreiteten Nachbarschaftshilfe.

Im Kanton Basel-Stadt ist die Wegbegleitung bereits etabliert und ebenfalls ein ökumenisches Projekt. Nach acht Jahren im Projektstatus überlegen sich die Kirchen derzeit, das Projekt nicht mehr nur zu tragen, sondern zu ihrer eigenen Sache zu machen. Durchschnittlich sind knapp 30 Freiwillige im Einsatz. «Spannend ist, dass sich bei dieser Art von Freiwilligenarbeit viele sehr gut Qualifizierte zur Verfügung stellen», stellt Konrad Meyer, Projektleiter der Wegbegleitung in Basel, fest. «Beim freiwilligen Engagement möchten diese Leute ähnliche Bedingungen wie im Job und finden mit Supervision und Weiterbildung solche Strukturen bei der Wegbegleitung.» So überrascht es auch nicht, dass der Männeranteil bei der Wegbegleitung im Vergleich mit traditioneller Freiwilligenarbeit höher liegt. «Wegbegleitung spricht die Gruppe der sogenannt «neuen Freiwilligen» an», freut sich Meyer.

Ökumenische Verankerung

Im Aargau wurde Wegbegleitung von den Fachstellen Diakonie der Reformierten Landeskirche und der Caritas in Zusammenarbeit mit vier Pilotgemeinden gestartet, im vergangenen Juni erfolgreich abgeschlossen und ging in einen ordentlichen Betrieb über. Die 143 Anfragen während der 18-monatigen Pilotphase spiegeln das Bedürfnis. Weitere Kirchgemeinden im Aargau sind bereits im Aufbau des Angebots. Der Wunsch bleibt, die Wegbegleitung im Idealfall ökumenisch zu verankern.

Seit August ist auch die Reformierte Kirche Kanton Zürich mit einem Pilotprojekt gestartet. Das Konzept konnte vom Kanton Aargau übernommen werden, die Vernetzungsarbeit läuft. Mit der Stadtmission wird schon zusammengearbeitet, mit den Sozialzentren der Stadt und den Sozialwerken Pfarrer Sieber sucht man Kontakt. Trägerschaft ist die Reformierte Kirche Kanton Zürich und die beteiligten Kirchgemeinden Höngg, Affoltern und Industriequartier. Zurzeit läuft der Einführungskurs für Freiwillige.

Frau K. trifft sich inzwischen wöchentlich mit einer Wegbegleiterin, die auch alleinerziehende Mutter ist. Die Treffen tun ihr gut und stärken sie. – Herr R. schaut sich mit seinem Begleiter gemeinsam an, was an Alltäglichem liegen geblieben ist. Wenn Herr R. sich stark genug fühlt, gehen sie zusammen im Park spazieren. Alleine würde er sich das nicht zutrauen. Auch wenn Herr R. nicht viel redet, ist er doch dankbar für die Begleitung, zumal sie sich ganz gut verstehen. – Mit ihrer Begleiterin schaut Frau H. regelmässig ihre Post durch. Vertrauen hat sich in der Zwischenzeit aufgebaut und so erzählt sie ihrer Wegbegleiterin beim Kaffee von ihren Sorgen. So scheint es manchmal, dass solche Momente die eigentliche Hilfe dieser Begleitung sind.

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