Herr Butter, manche Verschwörungstheorien, die gegenwärtig kursieren, muten regelrecht absurd an: Die Erde sei flach oder reptiloide Wesen würden unsere Geschicke steuern. Wie passen solche Vorstellungen in unsere wissenschaftsorientierte Zeit?
Unsere Zeit ist gar nicht so wissenschaftsorientiert, wie wir das oft denken. Im Gegenteil. In den letzten Jahren hat sich die Öffentlichkeit in der westlichen Welt zunehmend in unterschiedliche Gesellschaftsbereiche unterteilt. Darunter sind auch solche, welche der etablierten Wissenschaft äusserst skeptisch gegenüberstehen. Und es scheint so, dass diese prominenter geworden sind. Dort haben sich auch skeptische Ideen – zum Beispiel die Leugnung des Klimawandels oder die Impfskepsis – zunehmend zu Verschwörungstheorien verdichtet.
«In Verschwörungstheorien ist jedes Detail von Bedeutung.»
Warum begeistern Verschwörungstheorien so viele Menschen?
Verschwörungstheorien bieten einen starken Halt. Sie machen die Welt erklärbar. Jedes Detail ist von Bedeutung. Offensichtlich ist es für viele Menschen leichter die Existenz einer geheimen Gruppe von Bösewichten zu akzeptieren, als einzugestehen, dass der Zufall herrscht und dass niemand da ist, der die Strippen in der Hand hält. Zudem dienen Verschwörungstheorien heutzutage auch dazu, die eigene Besonderheit hervorzuheben. Man kann so eine Wahrheit für sich beanspruchen, die der grossen Mehrheit verborgen bleibt.>
Verschwörungstheoretiker suchen nach vermeintlichen Ungereimtheiten und bilden daraus Zusammenhänge, die ihr Weltbild bestätigen. Sind deren Theorien letztlich nicht einfach Glaubenskonstrukte?
Einerseits sind sie das. Andererseits halten Verschwörungstheoretiker extrem an diesen Konstrukten fest. Wir wissen aus der empirischen Forschung, dass Verschwörungstheoretiker noch stärker an ihre Theorien glauben, wenn man sie mit überzeugenden Gegenbeweisen konfrontiert. Das liegt daran, dass ihre Identität an ihrem Glauben hängt. Gegenbeweise stellen ihre Identität in Frage. Anhänger von Verschwörungstheorien zweifeln allerdings kaum an diesen Konstrukten, weil sie Gegenstrategien haben, um ihren Glauben immer wieder zu bestätigen. Selbst angesichts überzeugender Gegenbeweise.
Was unterscheidet Verschwörungstheorien von Religionen?
Religionen greifen auf ausserweltliche Akteure wie Gott oder Teufel zurück. Verschwörungstheoretiker tun dies äusserst selten. Zwar setzen sie auf ein dualistisches Weltbild und teilen die Welt in Gut und Böse oder in Täter und Opfer auf. Gleichzeitig geben sie sich jedoch einen wissenschaftlichen Anstrich und beanspruchen für sich eine Beweisbarkeit. Dadurch distanzieren sie sich vom Aspekt des Glaubens, während Anhänger traditioneller Religionen akzeptieren, dass sich ihr Glaube nicht beweisen lässt.
Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Anhänger von Verschwörungstheorien glauben, der Mensch sei ein selbstbestimmtes Wesen, das seine Umwelt gestaltet. Eigentlich ist das schon fast ein aufgeklärtes Weltbild – verglichen mit der Idee der göttlichen Vorsehung.
Verschwörungstheoretiker sehen die Welt mechanistisch – also auf Ursache und Effekt ausgelegt. Diese Vorstellung passt nicht ins 20. oder gar 21. Jahrhundert. Sie passt aber ganz wunderbar ins 18. Jahrhundert, also ins Zeitalter der Aufklärung. Verschwörungstheoretiker vertreten somit ein romantisches Welt- und Menschenbild. Im Grunde wollen sie den Glauben an das selbstbestimmte Individuum bewahren. Im 20. und 21. Jahrhundert kam die Erkenntnis, dass der Mensch Gesellschaft und Geschichte nur bedingt kontrollieren kann. Das hat zur Dekonstruktion des Subjekts geführt. Verschwörungstheoretiker waren mit ihrem Weltbild einmal auf der Höhe ihrer Zeit. Sie sind es aber schon lange nicht mehr.
«Man kann den Leuten nicht verbieten, dummes Zeugs zu glauben.»
Im Internet sind Verschwörungstheorien stark verbreitet. Ist das ein Problem?
Das ist insofern problematisch, weil Verschwörungstheoretiker sich über das Internet vermehrt vernetzen und ihre Theorien mehr Leute erreichen. Nur: Dagegen lässt sich nichts unternehmen. Solange eine Verschwörungstheorie nicht beleidigend, gewaltverherrlichend oder sonst justiziabel ist, kann man nichts machen. Man kann den Leuten nicht verbieten, dummes Zeugs zu glauben. Das Recht auf freie Meinungsäusserung wiegt dann doch deutlich schwerer.>
Woher kann ich am Ende dieses Interviews eigentlich wissen, dass Sie mit Ihren Antworten nicht den Machenschaften eines Geheimbundes dienen?
Gute Frage. Mein Tübinger Kollege, der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen, sagt immer: Es funktioniert alles nur über Vertrauen. Und so verhält es sich auch in diesem Interview. Das war vor dem Internet so, und das ist mit dem Internet so.
Zweifel lässt sich also nur durch Vertrauen überwinden. Das ist aber gerade bei dem grossen Medienangebot im Internet schwierig.
Generell sollten wir zwei, drei Medien konsumieren, denen wir vertrauen. Dazu gehört auch regelmässig zu überprüfen, ob das Vertrauen gerechtfertigt ist. Wenn Ihre Leserinnen und Leser Ihrer Publikation vertrauen, dann sollten sie auch mir vertrauen. Und wenn Sie als Journalistin der Wissenschaft vertrauen, dann sollten Sie mir im Grunde auch vertrauen, weil ich ja mit meinem wissenschaftlichen Hintergrund die Vertrauensbeweise liefere.