Herr Schmid, die Sektenberatungsstelle Relinfo gibt es seit 55 Jahren. Was hat sich seit den Anfängen verändert?
Die Zahl der religiösen Gemeinschaften in der Deutschschweiz ist gewachsen. Unser Lexikon wurde von Auflage zu Auflage umfangreicher. Heute ist die Anzahl der Gemeinschaften so gross, dass wir unsere Rechercheergebnisse auf unserer Website publizieren.
Was beschäftigt Sie bei der Arbeit am meisten?
Die Frage, wie man mit radikalen Bewegungen umgeht und wie Radikalisierung verhindert werden kann. Dabei geht es auch darum, wie man Menschen helfen kann, die versucht sind, solchen Gemeinschaften beizutreten.
Haben sich die Gemeinschaften in den letzten Jahren denn stärker radikalisiert?
Die Anzahl radikalisierter Gruppen hat sicher zugenommen. Es gibt auch ein Publikum dafür. Oft sind es junge Menschen, die frustriert sind und im Leben Ablehnung erfahren haben, zum Beispiel durch Mobbing. Darum motiviere ich in der Prävention Eltern dazu, mit ihren Kindern offen über ihr Weltbild zu sprechen. Jugendliche brauchen ein Vorbild für Krisensituationen.
Und wenn die Kinder das Weltbild nicht teilen?
Auch wer im Jugendalter zur Weltanschauung seiner Eltern auf Distanz geht, profitiert davon, was ihm vorgelebt wurde. Er kann im Ernstfall darauf zurückgreifen. Ausserdem ist hilfreich, wenn junge Menschen, zum Beispiel im kirchlichen Unterricht, die typischen Merkmale problematischer Gemeinschaften kennenlernen.
Kritik kommt vor allem von Gemeinschaften, die nach Aussen ein anderes Bild präsentieren wollen als nach Innen.
Und woran erkennt man diese Gemeinschaften?
Typische Merkmale sind etwa ein striktes Kritikverbot. Es ist verdächtig, wenn eine Gemeinschaft die Verlautbarungen der Führung ohne Widerspruch akzeptiert. Heikel sind auch Gemeinschaften, die sich für alleinseligmachend halten. Oder solche, die meinen, über ein Rezept für alle Probleme der Menschheit zu verfügen. Vor allem aber sind missbrauchsfördernde Strukturen problematisch. Ich denke an Diskriminierung, Bereicherung der Führung auf Kosten der Anhänger oder die Erwartung, dass ihr die Mitglieder sexuell zur Verfügung zu stehen haben.>
Die Gesellschaft ist zunehmend säkularer. Spüren Sie das bei Ihrer Arbeit?
Ja und nein. Tendenziell suchen sich Menschen vermehrt selbst aus, wie und wo sie ihre weltanschaulichen Bedürfnisse befriedigen. Es gibt zunehmend Menschen, die sich nicht spezifisch einer Weltanschauung zugehörig fühlen. Ich bezweifle allerdings, dass die Menschen weniger spirituell geworden sind. Es gibt viele Menschen, die zwar konfessionslos, aber trotzdem spirituell auf der Suche sind.
Relinfo wird getragen von reformierten Kirchen. Dennoch müssen Sie neutral über Religionen und Konfessionen informieren. Wie geht das zusammen?
Ich sehe es als Vorteil, dass bei uns der weltanschauliche Hintergrund klar ist. Wenn Sie bei einer unabhängigen Stelle anrufen, ist das wie eine Wundertüte. Der Berater hat auch eine Weltanschauung, nur wissen Sie nicht welche. Er könnte Mitglied in einer Kirche, esoterisch geprägt oder ein militanter Atheist sein. Wer bei uns anruft, weiss, wo wir weltanschaulich stehen und kann unsere Beratung entsprechend einordnen.
Gibt es auch Reaktionen zu Ihren Einschätzungen?
Das kommt vor. Kritik kommt vor allem von Gemeinschaften, die nach aussen ein anderes Bild präsentieren wollen als nach innen. Das ist ein typisches Merkmal radikaler Gruppen. Sie haben eine klare Vorstellung davon, wie die Öffentlichkeit sie wahrnehmen soll. Probleme würden sie von sich aus nicht kommunizieren. Das Credo unserer Arbeit ist aber immer: Wir wollen mit unseren Einschätzungen zwar fair sein, aber es ist auch unsere Aufgabe, Probleme aufzuzeigen.
Die Vorstellung, dass es einen weltbeherrschenden Machtklüngel gibt, ist sehr verbreitet.
Haben Sie Ihr Urteil auch schon revidiert?
Ja. Gemeinschaften ändern sich und wir versuchen, dem gerecht zu werden. In den 25 Jahren meiner Arbeit konnte ich solche Veränderungen oft beobachten. Zum Beispiel war die Neuapostolische Kirche vor 25 Jahren noch ziemlich sektenhaft. Heute entwickelt sie sich Schritt für Schritt zu einer normalen kirchlichen Gemeinschaft. Es gibt aber auch Gemeinschaften, die zunehmend sektenhafter werden, wie die Organische Christus Generation. Sie ist bekannt für das Verbreiten von Verschwörungstheorien.>
Welcher Verschwörungstheorie begegnen Sie am häufigsten?
Das kann ich so gar nicht sagen, weil sie oft zusammenhängen. Menschen, die Verschwörungstheorien anhängen, vertreten oft gleich mehrere. Am häufigsten fragen mich vor allem junge Menschen nach den mythischen Illuminati. Aber das ist vielleicht auch diejenige Verschwörung, über die man sich am ehesten bei einem Sektenexperten informiert. Die Vorstellung, dass es einen weltbeherrschenden Machtklüngel gibt, ist sehr verbreitet. Egal, ob das nun Illuminati, Freimaurer oder Ausserirdische sind. In diese Richtung geht auch die Vorstellung mancher Evangelikaler, dass der Antichrist bereits dabei ist, unsere Welt zu übernehmen.
Wagen wir einen Blick in die Zukunft. Wo wird der Schwerpunkt von Relinfo liegen?
Es ist schwierig, da einen Schwerpunkt zu setzen. Die Szene wird immer vielseitiger. Es gibt natürlich Verlagerungen. Im Moment sehen wir, dass viele Gemeinschaften nur noch online organisiert sind. So verbreiten manche Esoteriker ihre Botschaften ausschliesslich übers Web. Es gibt keine physischen Treffen mehr. Ähnliches beobachten wir im freikirchlichen Bereich. Hier finden sich Pastoren, die ihre Gemeinde nur im Web haben und über YouTube predigen. Diese Entwicklung wird sich auch in unserer Arbeit spiegeln.