«Was soll einer predigen, der nicht an Gott glaubt?»

Der bekennende Atheist Mike Müller im Gespräch mit einem Pfarrer? In einer Kirche? Geht das? Das geht sehr gut, wie ein «Early Night Talk» am Freitag in Zürich gezeigt hat. Der Schauspieler und Komiker unterhielt sich animiert mit Pfarrer Thomas Schüpbach.

«Kaum tut einer schwierig, statuieren wir ein Exempel»: der umstrahlte Mike Müller, rechts Pfarrer Thomas Schüpbach.
«Kaum tut einer schwierig, statuieren wir ein Exempel»: der umstrahlte Mike Müller, rechts Pfarrer Thomas Schüpbach. (Bild: ref.ch/Vanessa Moos)

«Über die Durchsetzungsinitiative möchte ich nicht reden», meinte ein gut gelaunter Mike Müller in Hemd, Sakko und Jeans. Und legte gleich über sie los. «Wir Schweizer sind doch viel zu wenig grosszügig. Kaum tut einer schwierig, statuieren wir ein Exempel.» Ob wir denn die einzigen seien, die geradeaus pinkeln können? Das sei doch «bizli» langweilig. «Sind wir das auserwählte Volk? In der Religion geht das ja, dort geht ja noch viel.»

Die kleine Spitze gegen Religion war gewissermassen das Leitmotiv dieses amüsanten Talks. Der reformierte Pfarrer Thomas Schüpbach, der Müller letzten Freitag vor rund 100 Zuhörern in der Andreaskirche in Zürich zu Gast hatte, befragte ihn immer wieder über Religion – oder Müller kam von alleine auf sie zu sprechen.

«Theäterlen» und «pfärrerlen»

Schüpbach liess sich zunächst eine typische Arbeitswoche skizzieren. Müller frotzelte: «So wie man den Pfarrer fragt, was er eigentlich ausserhalb des Gottesdienstes noch so mache, so fragt man den Schauspieler: Was machst du tagsüber?» Müllers Terminplan jedenfalls sei proppenvoll mit «Giacobbo/Müller», «Bestatter» und weiteren Projekten. Im Übrigen möge er das Wort «theäterlen» nicht: «Ich nehme an, ihr Pfarrer seid auch nicht erfreut, wenn man sagt, ihr ‹pfärrerlet›.»

Immer wieder lachte das Publikum laut heraus. Müller glänzte durch Bodenhaftung, Witz und Schlagfertigkeit. Wieso er nichts über sein Privatleben wisse, fragte Schüpbach, «lese ich die falschen Heftli?» – «Im Kirchenboten steht sicher nichts über mich», konterte Müller, «aber ich schütze mein Privatleben nicht speziell. Und nur weil ich beim Fernsehen arbeite, sage ich nichts Gescheiteres über Beziehungen als andere. Wie man eine Beziehung abrockt, weiss ich allerdings», meinte er trocken.

Ein erleuchteter Buddha

Dass Müller sich von einem Pfarrer befragen liess, kam übrigens daher, dass Schüpbach ihn für einen Gottesdienst angefragt hatte. Müller hatte abgelehnt, aber für den Talk zugesagt. Auch jetzt lehnte er es ab, in einem Gottesdienst zu predigen: «Ich würde über die Grippe reden. Im Ernst, was soll einer predigen, der nicht an Gott glaubt?» Dabei haftete Müller durchaus etwas Spirituelles an, jedenfalls wirkte er dank Hintergrundstrahlung manchmal wie ein erleuchteter Buddha. Und man hätte sich ihn in seiner leutselig-hemdsärmeligen Art auch als Pfarrer vorstellen können.

Wo findet dich das Glück?

Ob er sich für den «Bestatter» speziell vorbereitet habe? Eigentlich nicht. Müller erinnerte sich hier vor allem an seine Grossmutter, die ihn gezwungen habe, die Leiche der Urgrossmutter zu sehen. Ist er christlich-religiös sozialisiert worden? «Nein, ich bin zwar getauft, aber konfessionslos und ohne Religion aufgewachsen. Beim Religionsunterricht in Olten hatten Hakan und ich als einzige frei», meinte Müller launig. Er habe keine Erweckungserlebnisse und keinen spirituellen Zugang zur Welt gefunden, anerkenne aber, dass das Abendland christlich geprägt ist. «Ich bin ein grosser Befürworter der Religionsfreiheit. Über Beten und Bekenntnisse machen wir uns bei ‹Giacobbo/Müller› auch nie lustig. Glaubensfreiheit ist eine wichtige Errungenschaft.»

Nach so viel ernsten Statements war Platz für die Schlusspointe. Schüpbach: «Wo findet dich das Glück?» Müller, die Schuhe bindend: «Vor dem Kühlschrank.»