Was die Reformierten mit Gletschern gemeinsam haben

An der Aussprachesynode der reformierten St. Galler Kirche in Gossau hat der Theologe Ralph Kunz über die Zukunft der Kirche nachgedacht. Gedanken über die Zukunft könne sich aber nur machen, wer seinen Ursprung und Standort kenne.

Ralph Kunz referiert in Gossau vor den Synodalen.
Ralph Kunz referiert in Gossau vor den Synodalen. (Bild: zvg)

«Was hat der Gletscherschwund mit den Mitgliederzahlen der Kirchen zu tun?» fragte Ralph Kunz die Synodalen der reformierten St. Galler Kirche im Referat zur Zukunft der Kirche. «Beide schwinden in diesem Jahr etwa um den gleichen Wert: 1,5 Prozent.»

Und wie sei der Schwund zu stoppen, wollte er weiter wissen. «Man könnte in beiden Fällen auf eine Eiszeit warten.» Ganz ernst meinte der Professor für praktische Theologie der Universität Zürich seinen Vorschlag nicht – schon deshalb nicht, «weil sich Eiszeiten schlecht voraussagen lassen».

Darum entwickelte er in seinem Referat vor den Synodalen, die sich in Gossau zur Aussprachesynode trafen, realistischere Szenarien.

Kirche im Dilemma

Gedanken über die Zukunft könne sich nur machen, wer seinen Ursprung und Standort kenne, betonte Kunz. „Wir sind nicht mehr die, die wir einmal waren“, lautete dazu seine Kürzestdiagnose. So zeige etwa eine Studie, dass sich fast sechzig Prozent der landeskirchlichen Mitglieder als «distanziert» einschätzten.

Distanziert heisse, dass sie nur noch an Weihnachten oder bei Lebensereignissen wie Taufe, Konfirmation oder Hochzeit kirchliche Angebote nutzten. Individualisierung und Säkularisierung verstärkten diesen Trend zusätzlich. Die Kirchen stecken diesbezüglich in einem Dilemma: «Ihr Auftrag ist es zwar, die Menschen in der Nachfolge Christi zu binden, gleichzeitig können die Mitglieder ihre Zugehörigkeit kündigen.»

Drei Möglichkeiten

Was tun? Kunz skizzierte drei mögliche Szenarien: Erste Möglichkeit ist eine Dienstleistungskirche. Kirchen bieten wie ein Supermarkt das an, was von den Menschen nachgefragt wird. Sie entwickeln sich zu kundennahen Zentren, die dort und dann präsent sind, wo und wann die Menschen sie brauchen. Vorbild dazu wären etwa Seelsorgeangebote in Spitälern, an Flughäfen oder an Bahnhöfen.

Zweite Option ist es, die Gemeinden zu stärken. Die Gemeinden dürften nicht beim kleinsten Gegenwind umfallen. Ziel wäre es, das Kollektiv so zu stärken – dass eine Bewegung des Evangeliums mit einer stabilen Basis entstehen kann.

Drittes Szenario ist schliesslich die «Mixed Economy». Es geht nicht mehr, dass alle Gemeinden allerorten zur gleichen Zeit das Gleiche anbieten. Gefordert sind unterschiedliche Zugänge: Kirche müsse gleichzeitig Gemeinschaft und Dienstleister sein.

Wichtig sei es jedoch, die richtigen Schwerpunkte am richtigen Ort zu setzen. Dies bedinge schmerzliche Entscheidungen – für das eine und gegen das andere, betonte Kunz. Denn Entscheidungen brauche es in jedem Fall, schon alleine wegen der knapper werdenden Ressourcen. Und wenn man schon daran sei, sich zu entscheiden, könne man sich an den Zürcher Reformator Huldrych Zwingli halten, der gesagt haben soll: «Tut in Gottes Willen etwas Tapferes.»