Warum reformierte Kirchen dem Erdboden gleichgemacht werden

In Turgi im Kanton Aargau erhält eine reformierte Kirche zwei Jahre Gnadenfrist, danach kann sie allenfalls abgerissen werden (ref.ch berichtete). Der Leiter der kantonalen Denkmalpflege im Aargau, Reto Nussbaumer, sagt im Interview, warum so viele Kirchen in der Landschaft stehen - und einige von ihnen künftig wohl auch verschwinden werden.

Das Bild zeigt den Leiter der kantonalen Denkmalpflege im Kanton Aargau, Reto Nussbaumer.
(Bild: zVg/Kantonale Denkmalpflege Aargau)

Herr Nussbaumer, der Gemeinderat von Turgi hat entschieden, dass die reformierte Kirchgemeinde ihre Kirche die nächsten zwei Jahre nicht abreissen darf.  Zuerst solle geprüft werden, ob die Bauten schutzwürdig sind. Wie beurteilen Sie die Situation als Leiter der kantonalen Denkmalpflege?
Zur Situation in Turgi kann ich nichts sagen, da der Kanton nicht für diese Kirche zuständig ist.


Warum?

Wir haben 2009 sämtliche kirchlichen Bauten des 20. Jahrhunderts im Kanton Aargau erfasst und einander gegenübergestellt: Aus unserer fachlichen Sicht ist die Kirche Turgi kein kantonal schutzwürdiges Objekt, sondern ein kommunales.


Wie kommt ein Bau auf die Liste der
potentiell kantonal schützenswerten Bauten?
Für die denkmalpflegerische Bedeutung eines Baues müssen vier Kriterien überprüft werden. Ein Punkt ist die Lage, die so genannte Standortqualität – die ist bei der Kirche Turgi – wie bei fast allen Kirchen – natürlich gegeben. Bei den anderen Punkten, also die historische, typologische und künstlerische Qualität, ist die Kirche Turgi im kantonsweiten Vergleich jedoch nicht ganz so hoch einzustufen.


Unabhängig von der Kirche Turgi: Bedauern Sie, wenn Kirchen abgerissen werden?

Selbstverständlich. Jeder Abriss eines historischen Gebäudes von Wert ist ein Verlust – alte Bausubstanz ist nichts Nachwachsendes: verloren ist verloren. Es muss aber auch nicht jedes Gebäude geschützt werden und gerade bei modernen Kirchenbauten ist eine Umnutzung gar nicht so einfach. Da ist es bei Kirchen aus früheren Jahrunderten einfacher, wie unzählige Beispiele in den Niederlanden und Deutschland zeigen.


Als Denkmalpfleger sind Sie doch der Anwalt der guten Architektur.

Natürlich werde ich mich immer für historisch relevante Bausubstanz und gute Architektur einsetzen, erst recht als Denkmalpfleger. Doch präsentiert sich die Situation bei den Kirchen als sehr anspruchsvoll. Kommt dazu, dass im 20. Jahrhundert eine sehr grosse Anzahl von Kirchenbauten erstellt wurden. Das war auch ein Wettbewerb zwischen den Kirchgemeinden: jede Gemeinde wollte ihr neues, modernes Gotteshaus haben. Das ist übrigens kein neues Phänomen, das war auch in früheren Jahrhunderten schon der Fall. Und heute haben die Kirchgemeinden im Zuge der massiv fortschreitenden Säkularisierung der Gesellschaft das Problem, das sie zu viele, zu grosse Kirchen besitzen.


Zurück zur Kirche in Turgi. Finden Sie diese schützenswert?

Wie gesagt, ich kann ihnen dazu keine Auskunft geben, da wir die reformierte Kirche Turgi nicht als potentielles kantonales Schutzobjekt auf unseren Listen führen. Hier liegt der Ball klar bei den Bürgern und dem Gemeinderat, die sich für den Erhalt einsetzen müssen – und diese tun es gemäss meinen Informationen ja auch.


Und sie als Privatperson? Würden Sie für die Abrissbirne votieren oder nicht?

Da ich nicht in der Gemeinde Turgi lebe, kann und muss ich nicht darüber befinden. Je nach Perspektive haben beide Seite gute bis sehr gute Argumente. Eine Kirche abzureissen, die architektonische Qualitäten besitzt, ist immer schade – zusätzlich waren und sind Kirchen aber auch immer mehr als nur ein Gebäude.


Wie meinen Sie das?
Die Kirchgemeinden müssen ja auch mit der vorherrschenden Situation – also sinkende Mitgliederzahlen und damit einhergehend weniger finanzielle Mittel – umgehen. Da kann eine Umnutzung oder ein Ersatzbau durchaus überlegt werden. Denn diese generieren Einnahmen, welche das Angebot der Kirchgemeinde finanzieren hilft. Sie sehen, ich kann Ihnen zu dieser Frage keine klare Antwort geben.

 


 

Reformierte Kirche in Turgi AG soll doch nicht abgerissen werden:
Zum Artikel