«Kirchgemeinden dürfen ihren Auftrag nicht vergessen»

In der Schaffhauser Gemeinde Gächlingen konnte die vakante Pfarrstelle lange Zeit nicht besetzt werden. Deshalb wurde das Pensum auf einen Pfarrer und eine nicht ordinierte Person aufgeteilt. Michael Graf, Präsident des Pfarrvereins Bern-Jura-Solothurn, nennt diese Lösung «pragmatisch». Sorgen bereitet ihm vielmehr, dass in Zukunft in vielen Kirchgemeinden vermehrt beim Personal gespart werden könnte.

Michael Graf bedauert, dass Kirchgemeinden vor allem bei den Personalkosten sparen.
Michael Graf befürchtet, dass Kirchgemeinden vermehrt bei den Personalkosten sparen werden. (Bild: zVg)

Herr Graf, der neue Pfarrer von Gächlingen begründet die Pfarrstellen-Substitution in seiner Kirchgemeinde (s. Kasten) mit der Notwendigkeit, nach innovativen und «flexibleren Formen des Pfarramts» zu suchen. Was sagen Sie dazu?

Es ist jedenfalls kreativ, diese Stellenbesetzung als innovativen Schritt zu verkaufen. Letztlich hat einfach eine kleine Kirchgemeinde ein im Dorf offenbar verwurzeltes und kirchlich aktives Ehepaar mit einer neuen Aufgabe betraut. Man könnte also auch sagen: es ist eine pragmatische und für alle Beteiligten angenehme Lösung.

Dann sehen Sie als Pfarrvertreter kein Problem in diesem Vorgehen?

Nicht prinzipiell. Wenn die Gemeinde eine neue Pfarrerin sucht und am Ende eines korrekten Verfahrens zu dieser Entscheidung kommt, sehe ich kein Problem. Gerade als Reformierte gehen wir ja davon aus, dass eine Gemeinde ein gutes Gespür dafür hat, was sinnvoll für sie ist.

Aber müssten bei einem korrekten Verfahren nicht zuerst andere Bewerbungen von Pfarrpersonen berücksichtigt werden, bevor man zur Notlösung einer Substitution greift?

Ich nehme an, der Schaffhauser Kirchenrat hätte die Substitution nicht akzeptiert, sollte Gächlingen das nicht getan haben.

Was sagen Sie zu der Gefahr, dass mit solchen Lösungen vor allem beim Personal Geld eingespart wird?

Wenn Sie einen Vitamin-D-Mangel haben, der anders nicht zu beheben ist, wird die Ärztin Ihnen das Vitamin substituieren. Wenn es in Gächlingen eine Vakanz gab, die anders nicht zu beheben war, kann die Gemeinde eine Substitution beantragen. Sie hat das getan, der Kirchenrat hat sie genehmigt. Das ist ein zwar seltener, aber grundsätzlich unspektakulärer Vorgang. Und eine Gefahr für die Pfarrschaft sehe ich auch nicht: Substituiert werden nur Stellenprozente, nicht Lohnsummen.

Wo liegt da der Unterschied?

Es ist ja nicht so, dass eine Kirchgemeinde ein Pfarrer-Lohnbudget erhält und dann überlegen kann: Wie kriegen wir die maximale Arbeitszeit für das vorhandene Geld? Sondern sie erhält Pfarrstellen-Prozente – und die kann man nicht «strecken», indem man etwa statt einer Pfarrerin einen Sozialdiakon mit mehr Stellenprozenten einstellt.

Sehen Sie diese Tendenz in den Kirchgemeinden?

Sie ist jedenfalls nicht auszuschliessen. Als Teil der Kirche müssten Kirchgemeinden von ihrem Auftrag her denken. Wenn sie stattdessen nur die Aufgaben sehen, ihre lange «To-do-Liste», wächst natürlich die Versuchung, möglichst viele Aufgaben durch kostengünstigere Mitarbeitende abzudecken. Denn die Personalkosten sind der grösste Ausgabenposten.

Die finanzielle Situation vieler Kirchgemeinde zwingt sie ja oft zu diesem Schritt. Was wären denn die Alternativen?

Ein Zwang besteht nur, wenn trotz stetig sinkenden Einnahmen alles beim Alten bleiben soll. Wir müssen aus der kirchlichen Käseglocke heraus und uns der Realität stellen. In den nächsten zehn bis zwanzig  Jahren wird die Institution Kirche massive Verluste erleben. Ihre Bedeutung in der Gesellschaft schrumpft. Die Mitglieder und damit auch die Finanzen schwinden. Jammern müssen wir nicht darüber, sondern neu fragen, was der Auftrag Christi für uns im 21. Jahrhundert ist.

Was heisst das konkret?

In der Gemeinde: wirklich geschwisterlich leben, nicht nur davon reden; beten, füreinander da sein, sich aufeinander verlassen können. Als Kirche: konsequent für die Schwachen einstehen, die Würde der Menschen verteidigen, gegen das Unrecht kämpfen. Und generell: die Schönheit Gottes preisen und viele fröhliche Feste feiern. Glaubwürdig glauben eben.

 

Heimito Nollé/ref.ch
Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».