Herr Jäger, die Einsiedlerinnen und Einsiedler haben dem 75-jährigen Amerikaner und ETH-Professor Irving Dunn per Händemehr die Einbürgerung verwehrt. Sie als ehemaliger reformierter Pfarrer von Einsiedeln haben sich direkt vor der Bevölkerung für eine Einbürgerung stark gemacht. Warum?
Ich kenne Herrn Dunn und seine Familie bestens. Sie gehören zur reformierten Kirchgemeinde, ich habe seine drei Kinder konfirmiert und eine seiner Töchter getraut. Herr Dunn erfüllt alle formalen Kriterien für eine Einbürgerung. Sie sehen, solch eine Biografie müsste reichen, um eingebürgert zu werden. Darum gilt es den Entscheid zwar zu respektieren, in Ordnung ist er aber nicht.
Was glauben Sie, warum hat es nicht gereicht?
Das ganze Gespräch mit der Einbürgerungskommission verlief sehr unglücklich. Herr Dunn erwartete ein Gespräch, am Ende war es aber wohl eher eine Prüfung mit Fragen, wie beispielsweise die sechs Viertel des Bezirks Einsiedeln heissen oder welche Firma in Einsiedeln die grösste Arbeitgeberin sei. Weiter gab es Missverständnisse.
«Ich vermute, dass Herr Dunn bei der Kommission arrogant gewirkt hat. Aber das ist er überhaupt nicht.»
Beispielsweise?
Angeblich wurde er gefragt, ob er gute Freunde in Einsiedeln habe. Darauf antwortete er, dass seine wirklich guten Freunde in Zürich und im Ausland leben, was ja auch legitim ist. Nur: Herr Dunn verfügt nach 39 Jahren in Einsiedeln über manche soziale Kontakte in Einsiedeln, dass man bestimmt nicht von mangelnder Integration sprechen kann. Er ist sogar im Segelclub.
Und trotzdem hat es nicht gereicht.
Ja. Ich vermute, dass er bei der Kommission arrogant gewirkt hat. Aber ich weiss, dass er das überhaupt nicht ist. Er ist vielmehr schüchtern.
Herr Dunn hatte als Motiv für seine Einbürgerung praktische Gründe angegeben. Beispielsweise, dass sich bei einem längeren Auslandaufenthalt sein Aufenthaltsstatus verändern könnte. Er hätte wohl strategisch besser von seiner Liebe zu Schweiz gesprochen.
Eine Einbürgerung hat immer zuerst persönliche Motive. Die Liebe zu einem Land kann dann einfach ein Faktor sein. Aber ja, vielleicht kann man ihm vorwerfen, dass er nicht ganz klug geantwortet hat. Dann wurde Herr Dunn auch vorgeworfen, dass er als Amerikaner mit einer Einbürgerung Steuern sparen möchte.
Und?
Das mag mit ein Grund gewesen sein. Aber gerade im Kanton Schwyz mit seiner kompetitiven Steuerpraxis müsste man doch für solch ein Motiv sehr viel Verständnis zeigen.
«Ein Pfarrer trägt auch eine Verantwortung, die sich aus dem Amt ableitet.»
Hätten Sie sich eigentlich auch für einen mittellosen Kosovo-Albaner so stark eingesetzt, wenn diesem eine Einbürgerung verwehrt worden wäre?
Natürlich. Ich habe mich auch schon für andere eingesetzt, die in einer ähnlichen Situation waren. Aber nochmals konkret zur Frage: Wenn dem Kosovo-Albaner eine Einbürgerung genauso verwehrt worden wäre und ich das nicht als korrekt empfunden hätte, wäre ihm meine Unterstützung sicher. Ich spüre eine grosse Verantwortung für den Nächsten und gerade ein Pfarrer trägt da auch eine Verantwortung. Eine Verantwortung übrigens, die sich aus dem Amt ableitet.
Inwiefern?
Ich fühlte und fühle mich mit Einsiedeln und mit meiner Kirchgemeinde verbunden und möchte, dass wir als Gotteskinder mit allen in Recht und Frieden leben und einander mit Anstand und Respekt begegnen.
Am Ende noch dies: Wie ist es, so als reformierter Pfarrer im katholischen Einsiedeln?
Am Anfang war das gar nicht so einfach, da ich doch als «profiliert reformiert» gelte. Aber ich hatte einen guten katholischer Pfarrer als Pendant, mit dem ich noch heute im «Duo Geistlich» Alphorn blase. Mein Kollege in Brunnen und ich wohnen gleich weit weg vom Mythen, sehen ihn aber recht verschieden. Trotzdem würde uns nicht einfallen, zu sagen: Du siehst ihn falsch und ich richtig. Ähnlich ist es auch mit den Konfessionen. Aber auch wenn mein katholischer Kollege und ich viele Dialogpredigten hielten, hätte ich nie einen Part aus dem katholischen Messkanon übernommen. Darauf achtete ich immer sehr genau.
Hans Ulrich Jäger-Werth war von 1970-2001 reformierter Pfarrer in Einsiedeln. Die reformierte Kirchgemeinde Einsiedeln hat rund 2’200 Mitglieder.
