Statt über die Verteilung von geretteten Migranten zu streiten und Schiffen mit Flüchtlingen tagelang die Hafeneinfahrt zu verweigern, sollten die Länder Europas wie früher staatliche Rettungseinsätze durchführen. Das verlangten der Chef des Uno-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR), Filippo Grandi, und der Chef der Organisation für Migration (IOM), Antonio Vitorino, am Donnerstagabend in einer Erklärung in Genf.
Hilfsorganisationen dürften zudem nicht wegen der Rettung von Menschen bestraft und Handelsschiffe nicht angewiesen werden, die Menschen nach Libyen zurückzubringen.
Ohnehin sei das nordafrikanische Bürgerkriegsland keine Option, sagten Grandi und Vitorino. In Libyen gerieten die Menschen in Lager mit unhaltbaren Zuständen, ihnen drohten Misshandlung und Ausbeutung durch Menschenhändler.
Eine Tragödie wie der Tod von mehr als 50 Migranten, die vergangene Woche bei einem Raketeneinschlag im Internierungslager Tadschura östlich der Hauptstadt Tripolis umkamen, dürfe sich nie wiederholen. Das Gebiet ist seit Beginn der Offensive von General Chalifa Haftar, der die Regierung in der Hauptstadt stürzen will, heftig umkämpft.
850’000 gestrandete Migranten
Nach Angaben von UNHCR und IOM halten sich in Libyen aktuell rund 50’000 registrierte Flüchtlinge und Asylsuchende auf, ebenso wie 800’000 weitere Migranten. Flüchtlinge sind nach Uno-Definition Menschen, die vor Gewalt oder Verfolgung flüchten, andere Migranten suchen ein besseres Leben im Ausland.
Alle diese Menschen müssten besser geschützt werden, verlangten Grandi und Vitorino. Dazu brauchten die Uno-Organisationen Geld. Gleichzeitig müssten Länder aber auch dringend mehr Aufnahmeplätze für in Libyen Gestrandete zur Verfügung stellen.
Kritik an Rom und Brüssel
Mit ihrem neuen Appell geisselten die Uno-Chefs direkt die italienische und die EU-Politik. Die Regierung in Rom hat gerade angekündigt, dass sie die von der EU unterstützte Zusammenarbeit mit Libyen ausbauen will. Die Italiener wollen die dortige Küstenwache noch besser ausbilden und ihr Material zur Verfügung stellen, damit sie Bootsflüchtlinge auf dem Weg nach Europa im Mittelmeer abfängt und in das Bürgerkriegsland zurückbringt. (sda)