VD: Pfarrer müssen beim Suizid nicht anwesend sein

Die waadtländische reformierte Kirche (EERV) hat ihren Amtsträgern eine Empfehlung zur Begleitung bei Suizidhilfe zukommen lassen. Diese überlässt ihnen die Entscheidung über ihre Anwesenheit im Moment des Suizids.

Das bei der Suizidhilfe verwendetete Medikament Natrium-Pentobarbital wird in Wasser gelöst eingenommen. (Bild: Wikimedia)

«Wir sind hier nicht in der Lage, verbindliche ethische Anweisungen zu geben. Zu unterschiedlich sind die Standpunkte in dieser Frage und die ihnen zugrundeliegenden Interpretation der Achtung vor dem Leben, der Würde und der individuellen Freiheit», heisst es symptomatisch im Dokument des Synodalrats «Suizidhilfe und seelsorgerliche Begleitung», das die Amtsträger Mitte Januar erhalten haben. Der Rat betont darin zum einen, dass es nicht um ein Urteil zur Suizidhilfe gehe. Zum anderen erinnert er daran, dass nach biblischem Verständnis das menschliche Leben vor allem als die Gesamtheit seiner Beziehungen gedacht wird. Aus diesem Grund werden die Amtsträger dazu ermutigt, Suizidwilligen ihren Beistand anzubieten, ebenso ihren Angehörigen vor und nach der Handlung. Aber sie sollen selbst entscheiden können, ob sie im Moments des Suizids anwesend sein wollen oder nicht.

 

Die Grenzen des Beistands

Die Frage der seelsorgerlichen Anwesenheit beim Suizid war der Anlass für die Empfehlung des Synodalrats, die gemeinsam mit dem kantonalen Koordinator der Altersheimseelsorge Dominique Troilo erarbeitet wurde. «Es gibt immer mehr Anfragen an Pfarrpersonen in dieser Richtung», sagt Troilo. Diese seien durchaus bereit, eine Begleitung vor dem Suizid anzubieten und auch danach für die Familie zur Verfügung zu stehen. Aber sie stellten sich Fragen über ihre Rolle während der Einnahme des Gifttranks. Deshalb hätten sie sich oft an ihn gewendet.

«Ich habe mit vielen Suiziden zu tun gehabt», sagt Troilo, «und immer sind sie traumatisch für die Angehörigen». Dies gelte auch für den begleiteten Suizid, der nicht immer so friedlich verlaufe, wie man das meine. «Ich persönlich kann mir nicht vorstellen, bei einer Person anwesend zu sein, während sie sich umbringt. Ich weiss, dass das bei mir Spuren hinterlassen würde, und das gilt auch für einige Kolleginnen und Kollegen.»

Für Sarah Golay ist das anders. Die Pfarrerin an der Kathedrale von Lausanne hat zwei Fälle von Suizidhilfe begleitet. «Ich bin für die Lebenden da und habe nicht über ihre Entscheidungen zu urteilen», sagt sie. «Wenn die zum Suizid entschlossene Person im Einklang mit sich ist, muss ich bei ihr bleiben.» Vorher stelle sie sicher, dass die Erwartungen der Person an sie vereinbar mit der der  Angehörigen seien. «Danach stehe ich bereit und begleite, so gut ich kann. Meine Rolle ist es, da zu sein, auch wenn es für mich schwierig ist. Davor will ich mich nicht drücken», so Golay.

 

Eine sehr persönliche Angelegenheit

Was ist davon zu halten, dass die EERV in dieser Frage nicht Stellung beziehen will? Dominique Troilo meint dazu: «Aus meiner Sicht bezieht sie durchaus Stellung. Nämlich für die Freiheit der Amtsträger.» Er selbst sei gegen ein verbindliches Reglement gewesen. Zum einen seien professionell Seelsorgende erwachsen genug, um selbst zu entscheiden. Zum anderen handele es sich hier um zutiefst menschliche Situationen, die man nicht durch Gesetze regeln könne.

Auch Sarah Golay findet die Haltung des Synodalrats gut. «Das ist eine sehr persönliche Angelegenheit für die betroffenen Pfarrpersonen», sagt sie. «Es geht dabei um ihr eigenes Verhältnis zum Tod und konfrontiert sie mit einer äusserst gewalttätigen Situation.» Sie schätze es, dass die Empfehlung keine Schuldgefühle bei den Abwesenden hervorrufe und gleichzeitig die ermutige, die eine Begleitung anbieten. «Ich bin schon in dieser Situation gewesen», sagt sie. «Es gibt mir Sicherheit, dass ich dabei ein bisschen richtig gehandelt habe. Wenn es denn überhaupt richtig und falsch gibt.»

(Übersetzung aus dem Französischen: Marianne Weymann)

 

Empfehlung der EERV (französisch)