Filmfestival Venedig
Kapitalismuskritik gewinnt protestantischen Filmpreis
Der französische Film «Un bon petit soldat» von Regisseur Stéphane Brizé hat am 83. Filmfestival von Venedig den protestantischen «Award für interreligiösen Dialog» erhalten.
Dieser wird seit 15 Jahren von der internationalen kirchlichen Filmorganisation Interfilm vergeben und würdigt Filme, die sich in besonderer Weise mit dem Verhältnis von Gesellschaft, Religion und Kultur auseinandersetzen.
Der diesjährige Preisträger «Un bon petit soldat» handelt von Carla Moretti (gespielt von Alba Rohrwacher), die von ihrer Arbeit bei einer Versicherungsgesellschaft völlig eingenommen ist. Mit ihrem Sohn kommuniziert sie ausschliesslich via Handy.
Der Film halte der Gegenwart einen eindringlichen Spiegel vor, so die internationale Jury, bestehend aus Pascale Huber* (Schweiz, Präsidium), Dietmar Adler (Deutschland), Chiara Clini (Italien) und Maggie Morgan (Ägypten) in einer Mitteilung.
«Er zeigt Menschen in einem kapitalistischen System, dessen Regeln sie fortwährend mittragen – selbst dann, wenn diese unfair sind und nicht der Mensch, sondern allein seine Leistung zählt.» Zu sehen sei eine Arbeitskultur, die von Inklusion, Menschlichkeit und Freude spreche und gleichzeitig Wettbewerb, Produktivität und Profit belohne.
Sichtbar werde diese Logik in den instrumentalisierten Beziehungen zwischen Unternehmensleitung, Personalverantwortlichen und Mitarbeitenden sowie im familiären Umfeld. «Druck wird schonungslos weitergegeben, mitunter unbedacht und allein mit dem Ziel, den Erwartungen des Systems zu entsprechen.»
Aus christlicher Perspektive erinnere der Film daran, dass menschenwürdiges Leben veränderbare, gesellschaftliche Voraussetzungen brauche: «Es gilt, dort hinzuschauen, wo Menschen ihres Wertes beraubt werden, und dort einzugreifen, wo ihre Würde verletzt wird.» Wenn Leistung und Ergebnis zum Mass aller Dinge würden, wirke diese Wertordnung zerstörend. «Entscheidend ist, in welcher Weise Menschen mit anderen umgehen und wie mit ihnen selbst umgegangen wird.» (gab)
*Pascale Huber ist Geschäftsführerin des Vereins «Reformierte Medien», zu dessen publizistischen Produkten auch die Newsseite ref.ch gehört.