Thurgau erinnert an die Hinrichtung von Jan Hus

Die beiden Thurgauer Landeskirchen haben an einer Gedenkfeier am 5. Juli in Gottlieben an den tschechischen Vorreformator Jan Hus erinnert. Dabei gab sein Zeitgenosse Hieronymus von Prag ein fiktives Interview.

Der evangelische Kirchenratspräsident Wilfried Bührer im Gespräch mit dem Historiker und Konzilsexperte Henry Gerlach, verkleidet als Hieronymus von Prag.
Der evangelische Kirchenratspräsident Wilfried Bührer im Gespräch mit dem Historiker und Konzilsexperte Henry Gerlach, verkleidet als Hieronymus von Prag.

Der evangelische Kirchenratspräsident Wilfried Bührer begrüsste neben den beiden Mitrednern Regierungsrätin Monika Knill und Domherr Theo Scherrer auch den Konstanzer Oberbürgermeister Uli Burchardt und Gäste aus Tschechien. Dies teilte die evangelische Kirche am 7. Juli mit.
Vom Kirchengericht als Häretiker verurteilt, wurde Jan Hus am 6. Juli 1415 während des Konstanzer Konzils nahe der Konstanzer Altstadt verbrannt. Der Gedenkanlass zeigte, was Jan Hus zu Lebzeiten auslöste und beleuchtete aus kirchlicher und gesellschaftlicher Sicht die Bedeutung seiner Lehre.

Fiktives Interview

Der wohl beste Kenner von Jan Hus ist der Kunsthistoriker und Konzilsexperte Henry Gerlach aus Konstanz. Er stellte Hus vor, und zwar verkleidet als Hus‘ Mitstreiter und Leidensgenosse Hieronymus von Prag, interviewt von Wilfried Bührer. Gerlach alias Hieronymus versetzte die Zuhörenden in die Zeit des Konzils. Er beschrieb Hus als radikalen Kritiker am Zustand seiner Kirche. Er glaubte, dass Christus die oberste Autorität der Kirche ist, weil die Kirche auf Christus gebaut ist, nicht auf den Papst. Damit bestritt er die Heilsnotwendigkeit des Papstes.

Ohne Thurgau kein Konzil

Regierungsrätin Monika Knill beleuchtete die Rolle des Thurgaus als Konstanzer Hinterland zur Zeit des Konzils. Für einen Grossanlass dieser Dimension habe es auch damals schon eine gewaltige Infrastruktur gebraucht. Wichtiges Kriterium, um den Durchführungsort für den grössten Kongress im Mittelalter zu bestimmen, war die Sicherstellung der Infrastruktur: 70‘000 Gäste mussten an- und abreisen, Unterkunft finden und verpflegt werden. «Das Konstanzer Hinterland bot diese Voraussetzung, ohne den Thurgau wäre das Konzil in Konstanz undenkbar gewesen», konstatierte Knill.
Domherr Theo Scherrer lud ein, über das Hineinstrahlen von Hus‘ Lehre auf die Gegenwart nachzudenken. Er würdigte die kirchliche Reformbewegung und zitierte Papst Johannes Paul II., der in Jan Hus ein Vorbild für die Erneuerung und Glaubwürdigkeit der Kirche sah.

Mut und Demut

Bührer dachte über Mut und Demut, die Hus auszeichneten, nach und fragte, wie man diese Haltung heute in Kirche und Gesellschaft leben könne. Wer gehöre zur Kirche, wer stehe draussen, wer stelle quantitatives Wachstum in Frage und beginne mit Masshalten bei sich selber? «Es macht mir Eindruck, dass Hus seine Verantwortung gegenüber Christus über seinen Tod hinaus sah.»