Lest Bücher! Neue Fachbücher zu Theologie und Religion
Wie das Christentum Europa prägte

Seit seiner viel beachteten Biografie über Martin Luther ist Heinz Schilling vielen kirchengeschichtlich Interessierten ein Begriff. Sein neustes Buch heisst «Das Christentum und die Entstehung des modernen Europa». Darin widmet sich der Historiker der Beziehungsgeschichte zwischen Religion und Gesellschaft, zwischen Kirche und politischer Ordnung. Schilling setzt in der ausgehenden Antike an und entfaltet, wie aus der einen lateinischen Christenheit das multikonfessionelle, plurale Europa hervorging. Den Fokus legt er dabei auf die Zeit ab der Reformation, mit Bögen bis zur Frage nach der Zukunft des Christentums sowie der Integration des Islam in Europa.
Das 480 Seiten starke Buch ist ein in sich stimmiges Ganzes, muss aber nicht chronologisch gelesen werden. Dank der klaren Gliederung können Leser gezielt Themen auswählen. Auch mit diesem Buch möchte der Autor den Brückenschlag zwischen Geschichtswissenschaft und einer interessierten Öffentlichkeit ausbauen. Das gelingt ihm, die Lektüre ist gut zugänglich, wenngleich streckenweise etwas trocken. Der vertiefte Einblick in Prozesse, die die Gesellschaft bis heute prägen, macht diese Neuerscheinung auf jeden Fall lesenswert.
Heinz Schilling : «Das Christentum und die Entstehung des modernen Europa. Aufbruch in die Welt von heute». Herder, Freiburg im Breisgau 2022; 480 Seiten; 39 Franken.
Die weibliche Seite der Reformation
Die Reformation war nicht nur Männersache, auch viele Frauen traten öffentlich für sie ein. Engagiert ergriffen sie Partei für bedrängte Glaubensgenossinnen, verteidigten ihre Klosterflucht oder machten sich Gedanken zu Gebet und Bibelauslegung. Im Sammelband «Frauen ergreifen das Wort» liegt nun erstmals eine Auswahl ihrer Texte ungekürzt und in heutigem Deutsch vor.

Pionierin war die bayerische Adlige Argula von Grumbach. In ihrer ersten Schrift von 1523 kritisierte sie mit scharfen Worten die Universität Ingolstadt, die einen evangelisch gesinnten Magister in Klosterhaft gesteckt hatte. Wenig später traten viele weitere Reformatorinnen mit Publikationen in Erscheinung, so zum Beispiel Katharina Zell, Ursula Weyda oder Florentina von Oberweimar. Kurze Einleitungen zu jeder dieser Autorinnen helfen beim Verständnis des historischen Hintergrunds. Der Mut dieser Frauen beeindruckt. So forderte Argula von Grumbach einen Kirchenrechtsprofessor zum Gespräch heraus : «Ich kann kein Latein, aber ihr könnt Deutsch… Ich habe keine Angst, von euch unterwiesen zu werden, solange ihr mich mit der Schrift belehrt und mich nicht gewaltsam mit Gefängnis oder Scheiterhaufen überzeugen wollt.» Es ist das Verdienst der Herausgeberinnnen, dass Texte wie diese endlich einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich sind.
Martin H. Jung, Friederike Mühlbauer (Hg.) : «Frauen ergreifen das Wort. Flugschriften von Autorinnen der Reformation in heutigem Deutsch». Brill Schöningh, Paderborn 2022; 195 Seiten; 75 Franken.
Die Rezensentin Andrea Aebi ist Pfarrerin und stellvertretende Geschäftsführerin der Reformierten Medien, die auch bref herausgeben.