Theologe: «Reformation hat keine Spaltung verursacht»

Theologieprofessor Thomas Kaufmann hat die Vorbereitungen zum Reformationsjubiläum in Deutschland kritisiert. Die Vermittlung eines wissenschaftlichen Reformationsbilds an die Öffentlichkeit sei gescheitert.

Thomas Kaufmann.
Thomas Kaufmann. (Bild: Wikimedia/Von Goesseln CC-BY-SA 4.0)

Dies sagte der Göttinger evangelische Theologe am Mittwoch vor rund 320 Pfarrerinnen und Pfarrern. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) sei weder willens noch imstande, eine differenzierte und «nicht langweilige Perspektive» auf die Reformation zu werfen, sagte Kaufmann laut Redemanuskript.

Von vornherein hätten die Initiatoren zwischen drei Aspekten unterscheiden müssen, betonte Kaufmann: Die Reformation zu erforschen, ihrer zu gedenken und sie schliesslich zu feiern. In einem öffentlichen Gedenken hätte etwa die Idee des allgemeinen Priestertums der Gläubigen und die erstmalige Beteiligung von Laien in der Kirche Interesse für die Reformation wecken können, betonte Kaufmann.

Diese Bewegung habe viele andere Reforminitiativen für Laien begründet. «In Gestalt bestimmter Wahlrechte in Kirchenversammlungen, durch Mitbeteiligung an der Verteilung der Gelder nahmen Laien schon im konfessionellen Zeitalter aktiver an Aufgaben der kirchlichen Verwaltung teil, als dies in der Regel vor der Reformation möglich gewesen war.»

Christliches Abendland schon um 1500 ein Konstrukt

Die Bibelübersetzung Martin Luthers habe zudem eine gewaltige Zahl an nationalsprachlichen europäischen Bibelübersetzungen angeregt, die als Folge der Reformation erschienen seien. Die kulturelle Vielfalt Europas wurzle in Entwicklungen, die mit der Reformation zusammenhingen.

Die Reformation habe die Spaltung Europas nicht verursacht, wie zuletzt katholische Historiker und Theologen behaupteten, sondern diese Entwicklung eher beschleunigt, so Kaufmann. «Die Einheit des sogenannten christlichen Abendlandes war schon um 1500 ein ideologisches Konstrukt.» (epd)