An der reformierten Zürcher Synode konnte man am Dienstag gut das rituelle Ringen zwischen Legislative und Exekutive studieren. Die Rollen sind klar. Die Exekutive beteuert: Wir haben doch alles so gemacht, wie ihr es gewollt habt. Die Legislative entgegnet: Warum dürfen wir das nicht selbst entscheiden?
Konkret ging es um eine neue Verordnung zur Seelsorge in Spitälern, Gefängnissen, Pflegezentren und bei Pfarrämtern mit gemischten Tätigkeiten (zum Beispiel am Flughafen, Bahnhof oder bei der Polizei).
Das Geschäft hatte den gewohnten Gang genommen: Nach der Vernehmlassung hatte eine Kommission, zusammengesetzt aus den Fraktionen, Änderungen vorgeschlagen, die der Kirchenrat auch aufgenommen hat. Nun war die Synode am Zug.
Die Sache zurücknehmen
Gemäss der Vorlage definierte aber klar der Kirchenrat, was «Pfarrämter in Institutionen» sind. Das stiess manchen sauer auf. «Warum gibt es keine Kriterien dafür? Warum darf die Synode nicht darüber bestimmen? Der Kirchenrat soll die Sache zurücknehmen», sagte ein Synodaler. Zudem wurde kritisiert, dass ein Gemeindepfarrer auch in grossen Pflegezentren zuständig für Abdankungen sein soll – auch wenn es dort eine spezielle Pfarrperson hat.
Kirchenrätin Esther Straub ging schwungvoll auf die Kritiker ein. Der Kirchenrat habe sämtliche Fragen der Kommission beantwortet. «Es ist an Ihnen, die Vorlage zu korrigieren, wenn Sie nicht einverstanden sind. Wir haben unsere Schuldigkeit getan.» Straub hatte das Geschäft von der unterdessen pensionierten Kirchenrätin Irene Gysel geerbt (sie sass auf der Tribüne), war mithin auf «einen fahrenden Zug aufgesprungen». Auch Kirchenratspräsident Michel Müller legte sich für die Vorlage ins Zeug.
«Aggressiv und beleidigend»
Trotzdem beantragte ein weiterer Synodaler die Rückweisung, und ein anderer monierte den Ton des Kirchenrats als «aggressiv und beleidigend». Ein Dritter fand es «irritierend, dass hier «eine Kontroverse gesucht und scheinbar gefunden wird». Die Synode habe versagt, wenn das Geschäft zurückgewiesen werde, man habe sich schliesslich vorher eingehend damit befasst. Versagen wollte die Synode aber nicht und nahm die Verordnung deutlich an. Ein Antrag, sie zu befristen, wurde abgelehnt.
In der Fragestunde konnten die Kirchenräte Michel Müller und Thomas Plaz ihre Entertainment-Qualititäten zeigen. Die erste Frage bezog sich auf einen Text, den Kirchenrätin (und SP-Kantonsrätin) Straub in der SP-Quartierzeitung «SP 12» geschrieben hatte – gegen die Durchsetzungsinitiative und für die gleichgeschlechtliche Ehe. Ob der Kirchenrat davon wisse, ob er die Position teile und ob eine Kirchenrätin das überhaupt dürfe? So die Fragen eines Mitglieds der Liberalen Fraktion.
«Ob mit oder ohne Talar»
Der Kirchenrat habe keine Kenntnis davon gehabt und habe strenggenommen immer noch keine, so Müller. Ein Kollege im Kirchenrat habe ihm aber netterweise ein Exemplar gegeben, und so wisse zumindest er, was drin stehe. Seiner Meinung nach sollen sich die Reformierten in die Debatten einbringen, und zwar von allen Seiten. «Einem Liberalen muss ich das nicht weiter begründen. Eine eigene Meinung haben, selber denken ist reformiertes Proprium.» Zudem habe die Ablehnung der Durchsetzungsinitative auch der kirchenrätlichen Position entsprochen – als Pfarrperson sich dagegen einzusetzen, sei korrekt gewesen – «ob mit oder ohne Talar.»
Kirchenrat Thomas Plaz durfte Fragen zum diesjährigen Sommerlager «Campus Kappel» mit der Veranstaltung «Ist Gott tot?» beantworten. Eingeladen ist dort Pfarrerin Ella de Groot, die nicht an einen personalen Gott glaubt. Ob eine solche Veranstaltung mit dieser Pfarrerin gut zur Theologie hinführe?
Auch den Atheismus nachvollziehen
Mit subtiler Ironie und verhaltener Fulminanz legte Plaz einen Crashkurs über Atheismus hin. Er begann mit Tertullian, kam zu Nietzsche, Heidegger und zu Bubers «Gottesfinsternis». Die Frage «Ist Gott tot?» habe die Theologie schon immer begleitet, zum Beispiel bei der negativen Theologie. Eine personale Gottesvorstellung sei zudem bei den meisten Mitgliedern nicht mehr einfach so da. Personalität als solche sei unterdessen selber in Zweifel gekommen, und Plaz zitierte Rimbauds «ich ist ein anderer».
«Aber will man Pfarrer, die kein personales Gottesbild haben?», wurde insistiert. Plaz: «Vertrauen wir doch dem Gespür der jungen Leute. Auch Atheismus muss man als Pfarrer nachvollziehen können. Wir geben den jungen Menschen kein Portfolio fixer Wahrnehmungen mit. Das wäre für unsere Kirche gefährlicher als die Beschäftigung mit dem Atheismus.» Die Synode applaudierte.
Kommunikationsstelle besser dotieren
Als weiteres grosses Geschäft verhandelte die Synode einen Bericht des Kirchenrats zum Profil der Landeskirche. Hier herrschte Einigkeit, dass die Kommunikationsstelle der Landeskirche unterdotiert sei und dass die Bemühungen, die Landeskirche in der Öffentlichkeit präsent zu halten, verstärkt werden sollen.
Ein Synodaler kritisierte, dass bei der Aufzählung der Kommunikationsmittel die E-Mail vergessen worden war. Auch damit kommunziere man, und es gebe einen unmöglichen Wildwuchs bei den kirchlichen Mail-Adressen. Michel Müller ergänzte, dass auch der Theologische Verlag Zürich vergessen worden sei: «Wir sind die einzige Kirche in der Schweiz, die einen Verlag besitzt. Auch hier setzen wir Themen und kommunizieren darüber.»
«Ein Bischof vor den Toren von NZZ, Tagi und SRF»
Müller informierte schliesslich über die Position des Kirchenrats zur Schaffung eines Bistums Zürich. Bischof Huonder habe den Kirchenrat um seine Meinung gefragt, die der Kirchenrat nächstens nach Chur schicken werde. Ein Bistum wecke Hoffungen in der Ökumene, berge aber auch Risiken, so Müller: Rücksichtslose Kommunikation und eine fundamentalistische Position des neuen Bischofs könnten die Ökumene gefährden.
Zudem könnte man kommunikationstechnisch ins Hintertreffen geraten: «Die reformierte Vielstimmigkeit ist ein Problem, wenn ein katholischer Bischof vor den Toren von NZZ, Tagi und SRF auftaucht», so Müller. Begünstige ein Bischof in Zürich aber die Entwicklung der katholischen Kirche, sei man sicher nicht dagegen. Und scherzhaft: «Manche träumen schon von einer Bischöfin.»
Weitere Geschäfte der Synode:
– Kirchenrat Bernhard Egg orientierte über das Engagement der Landeskirche für Flüchtlinge.
– Gutgeheissen wurde die kirchenrätliche Antwort auf eine Interpellation betreffend «Erfassung kirchlicher Angebote».
– Die Synode bewilligte 1,3 Millionen Franken für die Erneuerung von 21 Nasszellen sowie den Umbau einer Wohnung im Gebäude «Haus am See» auf dem Areal des Klosters Kappel.