Synode BS: Vom Wert der «religiösen Flaneure»

Am 22. April debattierte die Synode der reformierten Kirche Basel-Stadt (ERK) über Fragen der Kirchenentwicklung. Aufschlussreich war ein Vortrag des Theologen Thomas Schlag zur Zukunft der Volkskirche, die sich nach der Vorstellung des Kirchenrats in eine Beteiligungskirche umwandeln soll. Schlag hielt dies für «völlig illusorisch».

Nachdenken über die Kirche der Zukunft: Die Basler Synodalen am 22. April. (Bild: ref.ch/Weymann)

Es war zwar eine «ordentliche» Synode, die am vergangenen Freitag im Basler Zwinglihaus zusammenkam, aber anders als die gewohnten Frühjahrs- und Herbstsynoden diente sie nicht der Beschlussfassung. Es ging vielmehr um die Weiterarbeit an den Fragen zur Kirchenentwicklung, die der Kirchenrat (Exekutive) im November mit seinem Bericht «Perspektiven der ERK 2015–2025» angestossen hatte.

Mitgliederschwund und sinkende Einnahmen – nicht nur in Basel-Stadt weht den Reformierten ein immer rauerer Wind entgegen. Aber hier ist der Schrumpfprozess noch drastischer als in den grösseren und weniger urban geprägten Kantonen. Heute sind noch rund 30‘000 Basler Mitglied der ERK, in zehn Jahren werden es, so die Prognose des Kirchenrats, noch 19‘000 sein, und die Kirchensteuern werden von 18 Millionen auf 12 zurückgehen.

Drittmittel und Kirchgänger

Einen Grossteil des so entgangenen Geldes sollen die Gemeinden, so der Vorschlag des Kirchenrats, durch Drittmittel (also Spenden) eigenverantwortlich erwirtschaften. Und wer darin besonders fleissig ist, kriegt umso mehr von der knappen Kirchensteuer zugesprochen. Ein anderes wichtiges Kriterium soll die Anzahl der Gottesdienstbesucher sein, da der Gemeindegottesdienst das «Zentrum des kirchlichen Lebens» sei. Mitgliederzahlen würden zwar noch berücksichtigt, hätten aber im Vergleich zu heute wesentlich weniger Gewicht.

Profitieren würden von dem neuen System eher evangelikal geprägte Gottesdienstorte wie die zur Münstergemeinde gehörende Gellertkirche. Denn diese sind nicht quartier-, sondern zielgruppenorientiert, der Gottesdienstbesuch und die verbindliche Gemeinschaft haben einen höheren Stellenwert als in typisch landeskirchlichen Ortsgemeinden. Diese wären wesentlich deutlicher von Sparmassnahmen betroffen als das heute schon der Fall ist. Dies hat zu Spannungen der betroffenen Gemeinden mit dem Kirchenrat geführt.

Es geht nicht nur um Geld

Dass der vom Kirchenrat vorgeschlagene Weg bedenkenswert, aber nicht unproblematisch ist, zeigte der Vortrag von Thomas Schlag, Leiter des Zentrums für Kirchenentwicklung an der Uni Zürich, zum Thema «Städtische Volkskirche entwickeln – wohin?» Lobend hob Schlag hervor, dass der Bericht nicht im Jammerton gehalten sei und dass nicht nur ökonomische, sondern auch theologische Überlegungen zu den Ergebnissen geführt hätten. Auch dass die Kirchgemeinden verstärkt in die Pflicht genommen werden sollen, begrüsste Schlag.

Allerdings blieben einige «offene Fragen». So die Anzahl der Gottesdienstbesucher als Kriterium für die Lebendigkeit der Gemeinde. «Es gibt kirchliche Aktivitäten, die nicht in ein gemeinsames Feiern münden», so Schlag.

Auch das viel gepriesene Fundraising sieht Schlag skeptisch. Die Erwirtschaftung von Drittmitteln sei zwar «grundsätzlich möglich», aber auch «sehr anspruchsvoll», es sei nicht immer gewährleistet, dass das Ergebnis den Aufwand rechtfertige. Man müsse sich auch gut überlegen, von wem man Geld annehmen wolle, um nicht unglaubwürdig zu werden.

Die Bedeutung der «religiösen Flaneure»

Fragwürdig sei zudem die Konzentration auf die engagierte Kerngemeinde. Auch in Zukunft würden die «religiösen Flaneure» ohne enge Bindung an die Kirche die Mehrheit ihrer Mitglieder darstellen. Diese Menschen schätzen die Kirche durchaus. Zum Beispiel für Amtshandlungen, deren Bedeutung immer noch enorm sei. «80 Prozent der Jugendlichen von heute wollen ihre Kinder taufen lassen», so Schlag. Auch das soziale Engagement der Kirche sowie die Weitergabe von religiösem Wissen an die kommende Generation sei diesen «Distanzierten» wichtig. Aber diese Menschen würden auch in Zukunft nicht zu engagierten Gottesdienstbesuchern werden. «Die Umwandlung von einer Volkskirche in eine ‹heisse› Beteiligungskirche ist meiner Erfahrung nach völlig illusorisch», sagte Schlag.

Und doch lägen «enorme Ressourcen» bei diesen 80 Prozent Kirchenmitgliedern, die man selten oder nie im Gottesdienst sieht. Denn sie seien durchaus bereit, punktuell und für präzise Aufgaben freiwillig ihr Know how zur Verfügung zu stellen. Ein Konfirmandenvater, der Architekt ist, würde vielleicht gern Ratschläge zu baulichen Themen geben, wenn man ihn darum bäte. Da bräuchte es dann keine teure Expertise von aussen mehr.

Ankerpunkt Quartiergemeinde

Auch die Kerngemeinde bleibe wichtig. Aber nicht als Elite oder Avantgarde, die auf die «Lauen» herabschaut. Die Kerngemeinde solle vielmehr dafür sorgen, dass die Quartiergemeinde zum «Ankerpunkt» wird, zu einem Ort, an dem man «gekannt und erkannt» und nicht ausgegrenzt wird. Und zu einem Ort, der sichtbar im Quartier ist und mit anderen Institutionen zusammenarbeitet.

Schlags empfiehlt für die Volkskirche der Zukunft verstärkte Öffentlichkeitsarbeit und eine möglichst frühe religiöse Sozialisation. Mit 14 Jahren sei es zu spät, den Kindern Kirche nahezubringen. Wichtig seien auch schlanke Strukturen und klare Prioritäten. Natürlich sei die Kirchenerneuerung ein «unverfügbares Geschäft», es gebe kein Patentrezept für den Erfolg. Aber die Ausrichtung auf das Unverfügbare sei  schliesslich das Kerngeschäft der Kirche.

 

Perspektiven der ERK 2015-2025