Menschenrechte

Gefährdete Freiheit

Juliana Siapai kämpft im Südsudan für das Recht auf freie Meinungsäusserung. Sie war Kosmetikunternehmerin und ist Journalistin und Aktivistin – immer mit dem Ziel, etwas für die Frauen im Land zu bewegen. Auch von Rückschlägen lässt sie sich nicht aufhalten.  
Juliana Siapai arbeitet im Südsudan als Journalistin und setzt sich auch für mehr Gleichstellung ein. (Bild: Paul-Philipp Braun/ EPD)

Das Connect Café in Juba könnte auch in Berlin-Kreuzberg oder Zürich-West liegen. Zwischen hellbraunen Lederbänken und grossformatigen Schwarzweissfotos gibt es Kaffee und Waffeln. Hier kommen Männer mit Anzügen her, Hipster trinken ihren Latte und weissgekleidete Kellnerinnen eilen von Tisch zu Tisch. In der Ecke sitzt Juliana Siapai. Vor ihr steht ein Tablet, daneben liegt ein Stapel Flyer. «Für meine Veranstaltung am nächsten Wochenende», sagt sie und drückt einem interessierten Gast eines der Papiere in die Hand.

Siapai ist hier bekannt. Netzwerke, sagt die 34-Jährige, seien in ihrer Branche von enormer Wichtigkeit. Und dabei spricht die Journalistin und Aktivistin – in einem Land mit stark eingeschränkter Pressefreiheit und als eine der wenigen Frauen in einer Männerdomäne – auch von ihrer eigenen Sicherheit. 

Der Südsudan gilt als jüngster Staat der Erde. Erst vor 15 Jahren machte er sich nach jahrelangen Bürgerkriegen von der Republik Sudan unabhängig. Dennoch bleibt der Weg des afrikanischen Landes ein steiniger: Humanitäre Krisen, ethnische Konflikte und anhaltende politische Spannungen zwischen Regierung und Rebellengruppen bestimmen den Alltag der rund elf Millionen Einwohner.

Auswanderung ausgeschlagen

Immer wieder ist Siapai in ihren journalistischen Aktivitäten Angriffen des Staatsapparats ausgesetzt gewesen – so wie viele Medienschaffende im Land. Laut «Reporter ohne Grenzen» belegt der Südsudan im Pressefreiheit-Ranking Platz 109 von 190. Wiederholt bekam Siapai das Angebot, das Land zu verlassen und anderswo zu arbeiten: «Ich könnte nach Kanada, in die USA oder die Niederlande auswandern», sagt sie. «Aber mein Wunsch ist, hier zu bleiben und etwas zu bewegen.»

Sie hat erlebt, was Gewalt und Konflikt bedeuten und will am Aufbau einer besseren Zukunft für ihre Heimat arbeiten. Als Kind floh sie, die Tochter eines ehemaligen katholischen Priesters, mit ihrer Mutter und Geschwistern vor den Kämpfen vom Süden des damals noch vereinten Sudans in die Hauptstadt Khartum. Ihr Vater blieb zurück, um seine Pflicht als Seelsorger zu erfüllen. «Meine Mutter ist eine starke Frau, aber sie wusste, dass wir in Gefahr waren», sagt Siapai. «Juba war damals im Zentrum des Krieges.» In Khartum ging Siapai zur Schule, studierte später in Kenia Kommunikationswissenschaften.

Angriffe abwehren

Zurück im nun eigenständigen Südsudan arbeitete sie für verschiedene Ministerien, kündigte aber nach zwei Jahren: «Vieles von dem, was wir taten und sagten, hatte nichts mit der Realität der Menschen zu tun.» Ein neues Einkommen fand sie als Kosmetik-Unternehmerin. Inmitten des Trends afrikanischer Frauen, sich die Haut zu bleichen, setzte Siapai den Produkten mit teils gefährlichen Nebenwirkungen eine Alternative entgegen und stiess damit in eine Marktlücke. «Ich hatte die Chance, etwas für die Frauen im Land zu bewegen und eine Alternative zu den gesundheitsschädlichen Kosmetika anzubieten», sagt die junge Frau. «Das hat mich wirklich stark gemacht.»

2018 gewann der Journalismus wieder Oberhand. Im US-Sender «Voice of America» berichtete Siapai fortan über ihr in der Weltöffentlichkeit kaum wahrgenommenes Heimatland: «Ich konnte auf Missstände aufmerksam machen, aber ich konnte auch zeigen, wie schön der Südsudan ist und wie interessant die Geschichten seiner Menschen sind», sagt sie. Während einer Pressekonferenz attackierte sie einmal ein Minister verbal so sehr, dass ein Kollege dies auf Twitter veröffentlichte. «Ich habe das zunächst gar nicht mitbekommen, bis mir Freunde schrieben, dass sie sich um mich sorgten», erinnert sich die Journalistin. Heute kann sie darüber lachen, auch weil der Minister kurz darauf seinen Stuhl räumen musste.

Mädchen bevollmächtigen

Als Donald Trump im März 2025 «Voice of America» die Stimme entzog, verlor auch Siapai ihre Plattform. «Wir hatten noch immer viel zu sagen, aber unser Medium war einfach weg», sagt sie. Aktuell verbreitet sie Journalismus über soziale Netzwerke, arbeitet für internationale Organisationen, organisiert Charity-Veranstaltungen – und kämpft weiter für Pressefreiheit und Frauenrechte in ihrem Land.

Als Frau in der männerdominierten Medienwelt des Südsudan zu arbeiten, sei täglich eine Herausforderung, sagt Siapai. «Ich möchte gern ein Vorbild sein und Mädchen dazu ermutigen, diesen Job zu ergreifen», betont sie trotz aller Widrigkeiten. «Das setzt voraus, dass wir den Frauen hier Mut machen und eine freie Medienlandschaft haben, in der ehrlich berichtet werden kann. Daran arbeite ich jeden Tag.»

Beitrag teilen

Lesen Sie mehr zum Thema