«Alien-Jesus»
Stephan Jütte: «Legitime Form der Auseinandersetzung»
Heiligabend, katholischer Gottesdienst in der Stuttgarter Kirche St. Maria, auf einem Haufen Stroh liegt ein in feuchtes Reispapier eingewickelter Mann. Er soll den frisch geborenen Jesus darstellen. Der öffentlich-rechtliche TV-Sender ARD überträgt die Christmette live.
Es geht nicht lange und in den sozialen Netzwerken überschlagen sich die Kommentare. Manche User beschreiben die Person auf dem Stroh etwa als «atmenden Alien» oder als «Schleim-Jesus» (ref.ch berichtete). Vor allem X- und Youtube-Kanäle mit ideologischer Nähe zur Rechtsaussen-Partei AfD stürzen sich auf die Szenen innerhalb des Gottesdienstes.
Laut Pfarrer Thomas Steiger handelte es sich um eine Kunstinstallation, die «einen echten Menschen, der «elend, nackt und bloss daliege» darstellen sollte. CDU-Politiker kritisierten die Inszenierung öffentlich.
Stephan Jütte, Sprecher der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) und Leiter des Kompetenzzentrums Theologie und Ethik, hat dazu beim Online-Medium «20Minuten» Stellung genommen. Er hält die Darstellung für «künstlerisch zugespitzt», aber legitim. Denn: «Christliche Kunst war nie nur schön oder gefällig. Sie hat immer auch irritiert, verstört und herausgefordert.» Die Künstlerin habe nicht um des Effekts willen schockieren wollen, sondern «rückt Verletzlichkeit, Menschlichkeit und Zumutung des Christlichen ins Zentrum.»
Die Kommunikationsverantwortliche des Bistums Chur, Nicole Büchel, meint, Aufmerksamkeit habe die Botschaft «auf jeden Fall erhalten», dass jeder Mensch Würde und Anrecht auf Geborgenheit und Annahme habe. Sie verweist jedoch auch darauf, dass Papst Leo XIV. Besonnenheit und Deeskalierung im Gespräch fordere und weniger Provokation.
Jütte hingegen erklärt, die Kirche müsse «Ausdrucksformen zulassen, die Menschen aus gewohnten Bildern herausführen.» Das Evangelium selbst sei keine harmlose Botschaft. Entscheidend sei, ob eine Kunstaktion zu Reflexion, Gespräch und vertieftem Nachdenken einlade. (dst)