In Orsay, 30 Kilometer von Paris entfernt, liegt das franziskanische Gästehaus «La clarté Dieu». Hier haben sich an diesem langen Auffahrtswochenende rund 40 Menschen jeden Alters versammelt. Es ist die jährliche Retraite des «Carrefour des Chrétiens Inclusifs» (CCI), des «Treffpunkts (eigentlich: Wegkreuzung) inklusiver Christen». «Inklusiv» – dieses Wort im Zusammenhang mit Kirche ist im deutschen Sprachraum noch ungewohnt. Die Verwendung stammt ursprünglich aus dem angelsächsischen Raum und bedeutet: offen für alle, besonders für jene, die in der Kirche sonst eher am Rand stehen. Seien es Menschen mit einer Behinderung oder solche, die einer sexuellen Minderheit angehören. Homo-, Bi- und Transsexuelle, alles, was unter den Sammelbegriff LGBT (Lesbian-Gay-Bisexual-Transgender) fällt.
Beim CCI geht es vor allem um Letztere. Das heisst, in Orsay ist die Mehrheit der Anwesenden nicht das, was man gemeinhin als heterosexuell bezeichnet. Sie kommen aus Frankreich, aus Belgien und der Westschweiz, als Einzelpersonen oder Vertreter einer der zahlreichen Gruppen, die sich für eine Verbesserung der Beziehungen von Homosexuellen mit ihren Kirchen einsetzen. Die Gruppe «Chrétien(ne)s et Homosexuel(le)s» aus Genf gehört dazu oder die «Communion de Béthanie», eine kontemplative Gemeinschaft, die ihre Berufung im Gebet und in der Seelsorge sieht.
Ein geschützter Ort
Eine relativ «normale» Pariser Kirchgemeinde ist auch dabei, die «Maison verte», die zur «Mission populaire», einer den Reformierten nahen, unabhängigen Kirche gehört. Die Fraternités genannten Gemeinden der «Miss popʼ» entstanden gegen Ende des 19. Jahrhunderts, um das Elend der Arbeiterklasse zu lindern. Heute noch ist die soziale Arbeit ein Schwerpunkt dieser Kirche und die Maison Verte eine Mischung aus Quartierzentrum und Gottesdienstort. Und sie ist «inklusiv». Filmabende werden sowohl Hör- als auch Sehbehinderten zugänglich gemacht. Und LGBT-Personen finden hier einen geschützten Ort, an dem sie sein können, was sie sind, ohne dass jemand sie ausschliessen oder «heilen» will.
Stéphane Lavignotte, bis vor kurzem Pfarrer der Maison Verte, erzählt von seiner Motivation, sich als Heterosexueller für die Anerkennung sexueller Minderheiten einzusetzen. Als er sein Pfarramt antreten sollte, wurde gleichzeitig einem in Beziehung lebenden homosexuellen Kollegen die Aufnahme in den Kirchendienst der reformierten Kirche Frankreichs verweigert. Damals habe er sich gefragt, ob er nicht aus Solidarität ebenfalls auf das Pfarramt verzichten sollte. Freunde hätten ihn aber davon überzeugt, dass Menschen wie er wichtig seien, um die Inklusion von innen voranzutreiben.
Auch Yvan Bourquin aus Lausanne gehört zur heterosexuellen Minderheit bei dieser Versammlung. Er begann, sich für das Thema zu interessieren, als er feststellen musste, dass es in der Westschweiz noch keinen Ort gibt, an dem seine lesbische Tochter ihre Partnerschaft öffentlich in der Kirche segnen lassen kann. Vor kurzem hat er ein Buch für die Förderung inklusiver Kirchen mitherausgegeben.
Begegnung und geistliche Stärkung
Aber an diesem Wochenende geht es nicht primär um Lobby-Arbeit. Im Mittelpunkt stehen Begegnung und geistliche Stärkung durch Gebet, Gottesdienst und Bibelarbeit. «Ich habe hier mehr als Freunde gefunden» sagt Jean, Pfarrer im Elsass. «Nämlich Brüder und Schwestern in Christus.»
Das Thema der diesjährigen Versammlung ist «Glaube und Sichtbarkeit», der zugehörige Bibelvers steht im dritten Kapitel des Genesisbuchs. Dort sagt Adam zu Gott: «Ich fürchtete mich, weil ich nackt bin, und verbarg mich» (Gen 3,10). Nacktheit im Sinn von Sichtbarkeit und damit einhergehender Verletzlichkeit – das Thema ist für LGBT-Christinnen und-Christen immer noch von trauriger Aktualität. Auch wenn die Vereinigung der protestantischen Kirchen in Frankreich vor einem Jahr die Möglichkeit der Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren eingeräumt hat, wagen es kirchliche Angestellte wie die in Orsay anwesende Theologin Christine immer noch nicht, offen zu ihrer sexuellen Identität zu stehen.
Eine gespaltene Gesellschaft
Insgesamt sind die französischen Homosexuellen immer noch traumatisiert von den Ereignissen von 2012 und 2013. Damals beriet das Parlament über eine «Ehe für alle». An den Protestdemonstrationen nahmen Hunderttausende von Menschen in ganz Frankreich teil und zeigten so, wie tief die französische Gesellschaft in dieser Frage gespalten ist.
Aber müssen sich LBGT-Menschen in der Kirche tatsächlich immer noch verstecken? Die Meinungen dazu gehen auseinander, auch in Orsay. «Vielleicht ist unsere Angst übertrieben», sagt Michel aus Brüssel. «Wir sollten mutiger werden». Klar ist auch: Je weniger LGBT-Menschen in der Kirche sichtbar sind, desto länger wird es dauern, bis sie als vollwertige Mitglieder akzeptiert werden.
Sich unsichtbar machen – das geht vielleicht für Lesben und Schwulen. Für Transsexuelle ist es schwieriger. Fünf von ihnen nehmen am Treffen teil. Es sind alles ursprünglich Männer, die sich als Frau fühlen, in den verschiedensten Stadien des «Übergangs». Elsa heisst im gewöhnlichen Leben noch Thierry und wagt gerade die ersten Versuche mit weiblicher Kleidung, während bei Loan nur die Stimme darauf hinweist, dass ihr Geschlecht früher ein anderes war. Isabelle und Diane tragen Röcke und lackierte Fingernägel, aber ihre Statur ist männlich geblieben. Es braucht Mut, sich so auf der Strasse zu zeigen.
Sichtbar glauben
Sichtbarkeit betrifft nicht nur die sexuelle Orientierung, auch das wurde auf der Tagung thematisiert. Ob homo- oder heterosexuell: Eigentlich sollte ja der christliche Glaube insgesamt sichtbar gelebt werden. Während nicht evangelikale Christen in Europa mit dieser Haltung eher Mühe haben, ist man in den USA viel unbekümmerter.
Das zeigte sich im Beitrag von Trey Hall. Er ist Pfarrer in Chicago und hat dort im Rahmen der methodistischen Kirche inklusive Gemeinschaften mit dem Namen «Urban Villages» gegründet. Offen wie liberale Kirchen und engagiert wie evangelikale sollten sie sein – das war Halls Vision. Und so machen die Mitglieder mit witzigen Plakatkampagnen und ungewöhnlichen Aktionen in Einkaufszentren auf sich aufmerksam. Der Erfolg bleibt nicht aus: Sechs Urban Villages gibt es inzwischen in Chicago, in anderen Städten sind sie geplant. Der Altersdurchschnitt ist knapp unter 40, 80 Prozent der Mitglieder sind heterosexuell.
Am Ende dieses verlängerten Wochenendes sind nicht nur Facebook-Freundschaften entstanden. Die Teilnehmenden kehren heim im Bewusstsein, dass sie nicht allein mit ihren Fragen sind. Und es könnte sein, dass der Mut zur Sichtbarkeit in der Kirche auch bei nicht-heterosexuellen Menschen am Wachsen ist.