Der Kreuzzug der Neo-Protestanten

Die neuen christlichen Bewegungen boomen, allen voran die Pfingstkirchen in Entwicklungs- und Schwellenländern. Massenveranstaltungen und Heilungsgottesdienste zeichnet sie aus. Ein Dokumentarfilm geht differenziert dem unheimlichen Erfolg von Pfingstkirchen in Entwicklungs- und Schwellenländern nach. Eine Medienkritik.

Entspannte Christen neigen dazu, Charismatiker und Evangelikale als eine doch relativ kleine, weltumspannende Freakshow abzutun – meist fernab von Europa und dort hauptsächlich in direkter Konkurrenz zur katholischen Kirche. Die aufwendige SRF-Dokumentation «Der Kreuzzug – auf den Spuren des neuen Christentums» zeigt, welche Potenz in der Bewegung steckt und wie die aktuell 600 Millionen sogenannten «Neo-Protestanten» wirken.

Mit den muslimischen Ländern Niger und Ghana, der ehemals kommunistischen Ukraine und dem katholischen Brasilien haben die Schweizer Filmer Andrea Müller und Adrian Zschokke Schauplätze gewählt, die unterschiedlicher nicht sein könnten. An allen Orten gleich ist dagegen der geistige Bodensatz, den die Spitzen der Klein- und Kleinstkirchen vor der Kamera verkünden: Gottes Liebe durchdringt nur jene, die sich dem von ihnen definierten, teilweise rigiden System unterwerfen. Dabei sprechen sie vom Teufel, von Strafen und von Homosexualität sowieso. Dank Spontanheilung laufen da schon auch mal Gehbehinderte plötzlich über die Gottesdienstbühne, zumindest irgendwie. Das erklärte Ziel aller Gemeinschaften: ihre Botschaft und die daran gekoppelten Bedingungen in jeden Bereich des Lebens zu tragen.

Hoffen auf sozialen Aufstieg

Es ist die Stärke des Filmes, hinzuschauen, ohne zu urteilen. Entgegen den oftmals schwarz-weissen Positionen der Gemeinschaften arbeitet die Dokumentation sorgfältig die Unterschiede heraus, die in den kulturellen und politischen Umgebungen der einzelnen Gruppen gründen. Interessant ist dabei das Beispiel der grössten neo-protestantischen Kirchgemeinde Europas, die ein Migrant aus Nigeria in der Ukraine gründete.

Der Film endet im Schwellenland Brasilien. Von den knapp 200 Millionen Einwohnern des Landes ist in den letzten Jahren rund ein Viertel zum Neo-Protestantismus konvertiert. Beispielhaft wird gezeigt, dass der neue Kreuzzug zugeschnitten ist auf Menschen, die sich bisher als Verlierer dieser Welt sahen – und auf den sozialen Aufstieg hoffen. Denn wer reich wird, mitunter auch durch eine Kirchengründung, darf seinen Erfolg ohne Scham zur Schau stellen. Die sinngemässe Erklärung eines Pastors dazu: Reichtum ist kein Stigma, sondern ein explizites Zeichen von Gottesnähe.

Der Kreuzzug – Auf den Spuren des neuen Christentums

 

Diese Medienkritik erschien erstmalig am 4. September 2015 in der «Reformierten Presse».