Im Spiel des österreichischen Entwicklers Broken Rules sind die Spieler als Vogel Fink in den Alpen unterwegs. Nach einer kurzen Einweihung in die Flug- und anderen Vogelkünste – kräftiger Flügelschlag, Sturzflug, Greifen, Zwitschern – gilt es, die offene 2D-Alpenwelt zu erkunden. Weil das Spiel sich mit Anweisungen zurückhält, ist zunächst unklar, worum es geht. Mit der Zeit aber entdeckt Fink das Geheimnis der Alpen: Ein längst vergessenes Volk hat mysteriöse Runensteine, Altäre und Apparate hinterlassen. Diese können entziffert und über mehrere Stufen hinweg in Betrieb gesetzt werden: So sind «Silvers» – Silberstücke – zu sammeln, mit denen ein Altar aktiviert wird. Dieser gibt eine «Scherbe» frei, die wiederum einen Teil einer Maschine freischaltet. Zwischen diesen Schritten lösen die Spieler mit Fink Rätsel und beweisen ihre Geschicklichkeit: Unter Ausnutzung der Physik muss Fink z.B. Steine bewegen um Durchgänge zu öffnen, zerstreute Teile von Tierstatuen finden und zusammensetzen, Raubtiere gegeneinander ausspielen und sich mit und gegen Luftströme bewegen um besondere Orte zu erreichen – und bei all dem immer die Gesundheit im Blick behalten.
Raubbau an der Natur und Fall der Zivilsation
«Secrets of Raetikon» ist ein Beispiel dafür, wie die moderne Populärkultur aus mythischen und historischen Fragmenten neue Mythen kreiert: So spielt die Geschichte in einer Zukunft lange nach der Zeit der Menschen. Der Vogel Fink wird mit Loki identifiziert, einem gestaltwandlerischen Gott der eddischen Göttersagen. Sein Gefieder wiederum ist den farbigen Kostümen des Tiroler Winterbrauchs «Klosn» nachempfunden. Die Maschinen, die Fink zu verstehen lernt, stammen von einer fiktiven «ersten Zivilisation», die mit den historischen Rätern gleichgesetzt wird, welche im ersten vorchristlichen Jahrtausend im heutigen Tessin, Graubünden und Tirol siedelten. Die Runensteine im Spiel geben Auskunft über das Schicksal dieser ersten Zivilisation: Der Mythos thematisiert nicht nur den Raubbau an der Natur als Grundlage für den Aufstieg und Fall von Zivilisationen; mit der Darstellung von «Altären» als prähistorische «Energiekollektoren» unterstützt er auch die pseudowissenschaftliche Sicht, dass die kultischen Mysterien alter Völker durch die Handlungen einer geistig und technologisch überragenden Zivilisation inspiriert sei.
Spiel verlangt Geschicklichkeit und Grips
Dieses wilde mythische Flechtwerk ist die Grundlage eines Indie-Spiels, das aus wenig viel schafft: Die an sich kaum originelle Erzählung erarbeiten sich die Spieler durch die Entzifferung der Runeninschriften und Finks Handlungen; jede Lösung wirft wieder Fragen auf und verstärkt die Neugier. Die geometrische Abstraktion im Origami-Stil erscheint zunächst karg, zaubert aber eine einzigartige Flora und Fauna auf den Bildschirm. Durch logisches Folgern und Ausprobieren lassen sich Finks wenige Aktionen in vielfältige Spielmechaniken übersetzen; selbst das Bestehen der actionbetonten Kämpfe verlangt nicht nur Geschicklichkeit, sondern auch Grips. Leider verpasst es das Spiel, die Spieler angemessen zu führen: Oft fällt die Wegfindung nicht leicht, beispielsweise fehlen Hinweise auf Durchgänge. Auch müssen lange Wege teilweise mehrmals abgeflogen werden, was insbesondere bei schwierigen Stellen und mehrfachen Toden Frust erzeugt. Trotz dieser Schwächen bietet «Secrets of Raetikon» viele Stunden hervorragende Unterhaltung mit einem unverbrauchten Thema.
Angaben zum Spiel
Secrets of Raetikon (Broken Rules 2014)
Sprache: Englisch, wenig Text.
Plattformen: Mac (OS X 10.6), Linux (Ubuntu 12.04), Windows (XP/Vista/7/8)
Keine offizielle Alterseinstufung, Empfehlung des Autors: Ab 10 Jahren
Game-Release-Trailer auf Youtube
Offizielle Game-Webseite
Über den Autor
Oliver Steffen ist Doktorand am Institut für Religionswissenschaft der Universität Bern. Im Rahmen des vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Projekts «Between God Mode and God Mood» erforscht er die Zusammenhänge von Computerspielen und Religion.