Game «Reus» – Schöpfung ist harte Arbeit

Gigantisches Terraforming: In der Göttersimulation «Reus» kreieren die Spielenden eine eigene Welt – von der Bodenbeschaffenheit bis zur Ehrfurcht.


In der griechischen Mythologie zogen die Giganten in den Kampf gegen die olympischen Götter. In «Reus» (niederl. für «Gigant») scheinen sich Götter und Giganten die schöpferische Arbeit friedlich zu teilen: Während der Planet bereits erschaffen, aber noch unwirtlich ist, sind die Giganten für das Terraforming und somit für die Entstehung von Leben und Kultur zuständig.

Die Spielenden steuern vier Giganten mit je eigenen Fähigkeiten über den Planeten. Gemeinsam erzeugen sie Ozeane, Wälder, Berge, Wüsten und Sümpfe sowie die dort gedeihenden Tiere, Pflanzen und Mineralien. Wo Nahrung bereitsteht, lassen sich schon bald Nomaden nieder und bilden eine Wald-, Wüsten- oder Sumpfsiedlung. Auf deren beschränkten Parzellen sollen Nahrung, Reichtum und Technologie maximiert werden, und zwar durch Symbiosen und Mutationen von Pflanzen, Tieren und Mineralien. Dadurch lassen sich Bauprojekte wie Schulen, Kornkammern oder Schreine verwirklichen – wofür die Giganten von den Menschen Botschafter erhalten, die ihnen wiederum neue Fähigkeiten verschaffen. Doch wenn die Dörfer aufblühen und Wohlstand sich ausbreitet, zieht auch die Gier ein. Gier bewirkt Kriege zwischen nachbarschaftlichen Dörfern und kann nur Gefühle erhöhter «Gefahr» oder «Ehrfurcht» unter den Menschen eingeschränkt werden. Oder durch die Vernichtung des Dorfes, wenn nichts mehr hilft.

Schöpfer mit Grenzen
«Ehrfurcht»? Diese Ressource vereinigt mehrere religiöse Vorstellungen: Ihr Symbol ist das in vielen Religionen dargestellte «göttliche Auge», ihre alttestamentarisch anklingende Funktion ist die Beseitigung der Gier. Und da sie durch bestimmte Symbiosen und fertiggestellte Bauprojekte ausgelöst wird, scheinen die Menschen in «Reus» auch die Natur sowie die menschliche Schöpferkraft zu verehren. Unter den Bauprojekten sind die religiösen am «Ehrfurcht»-ergiebigsten, nämlich der Schrein, der zum Temple und schliesslich zur Opferstätte ausgebaut werden kann. Und wie immer bei «Göttersimulationen» (god games) gilt auch bei «Reus», dass die Schöpfergottheiten bzw. Giganten nicht allmächtig im christlichen Sinn sind. Vielmehr haushalten die Spielenden sorgsam mit knappen Ressourcen und Fähigkeiten. Doch wie in der Genesis ist die Zeit der Schöpfung begrenzt: Nach 30, 60 oder 120 Minuten fallen die Giganten in einen tiefen Schlaf – Game Over.

Gigantisch asketisch
Die vier Niederländer von Abbey Games liefern ein Spiel von asketischer Strenge ab. Die Grafik ist niedlich, aber karg, die Musik zurückhaltend und statisch, eine Erzählung gibt’s keine, das Spielprinzip ist arm an Variation. Dafür gibt’s jede Menge harte Arbeit: «Reus» wird im Endlosmodus oder in zeitlich begrenzten Szenarien gespielt, die nach und nach freigeschaltet werden. Die Einführung ins Spiel gelingt gut, die ersten Schritte simpel. Doch wenn dann mehrere Dörfer mit dauerknappen Ressourcen gemanagt, Bauprojekte unter Zeitdruck fertiggestellt und unzufriedene Dörfler vom Kriegspfad abgehalten werden müssen, gerät man schnell unter Dauerstress. Dafür motiviert das Spiel mit mehrstufig zu erreichende Ziele, welche jeweils neue Levels und Giganten-Fähigkeiten freischalten. Das Spiel kommt mit wenig Text aus, Grundkenntnisse des Englischen reichen zum Verständnis aus. Alle Achtung für dieses originelle und clevere, aber auch gigantisch anspruchsvolle Game.


Angaben zum Spiel
Reus (Abbey Games 2013). Sprache: Englisch. Plattform: Windows XP/Vista/7/8. Offizielle Webseite: www.reusgame.com . Preis: EUR 9.90 (PC-Downloadversion). Keine offizielle Alterseinstufung. Empfehlung des Autors: Ab 10 Jahren.


Über den Autor
Oliver Steffen ist Doktorand am Institut für Religionswissenschaft der Universität Bern. Im Rahmen des vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Projekts «Between God Mode and God Mood» erforscht er die Zusammenhänge von Computerspielen und Religion.

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