Schweizer vertrauen Pfarrern mehr als der Kirche

Pfarrer gilt als Vertrauensberuf. Doch die Geistlichen finden sich bei Umfragen nur im Mittelfeld der vertrauenswürdigsten Berufe. Am meisten vertrauen Herr und Frau Schweizer Feuerwehrleuten, Piloten und Pflegefachkräften. Thomas Schaufelberger, verantwortlich für die Aus- und Weiterbildung der Pfarrerinnen und Pfarrer, überrascht dies nicht.

Pfarrer Thomas Schaufelberger ist Leiter Aus- und Weiterbildung der Pfarrerinnen und Pfarrer. (Bild: ZVg)

Regelmässig erhebt das Medien- und Marketingunternehmen Reader’s Digest im Rahmen seiner Studie «European Trusted Brands» Zahlen zum Vertrauen der Schweizerinnen und Schweizer in verschiedene Berufe und Institutionen, so auch für die Priester und Pfarrer. Diese verzeichneten 2011 einen deutlichen Einbruch. Lediglich 43 Prozent der Befragten sprachen den Pfarrpersonen ihr Vertrauen aus, ganze 12 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Reader’s Digest führte dies auf die Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche zurück, die vor fünf Jahren Schlagzeilen machten. 2013 stieg der Wert dann wieder auf 49 Prozent und scheint sich einzupendeln. Dieses Jahr geniessen die Priester und Pfarrer das Vertrauen von 47 Prozent der Befragten.

Nur alle zehn Jahre Kontakt mit einem Pfarrer

Es entspreche der Realität, dass die Pfarrpersonen im Mittelfeld der Vertrauensskala zu finden seien, meint Pfarrer Thomas Schaufelberger. Im Durchschnitt habe man heutzutage nur alle zehn Jahre Kontakt zu einem Pfarrer. «Hat man keinen Bedarf, so entsteht eine gewisse Distanz.» Zudem seien die Ansprüche an den Pfarrberuf hoch: «Bei Taufen und Abdankungen verlangen die Leute von den Pfarrpersonen hochprofessionelle Arbeit. Sie erwarten, dass man Rücksicht nimmt auf ihre individuellen Bedürfnisse.» Neben den Kirchen gebe es heute viele religiöse Angebote, aus denen man wählen könne. Dennoch schafften es die meisten Pfarrpersonen, die Beziehung zu Menschen aufrecht zu erhalten, betont Schaufelberger.

Sinkende existenzielle Bedeutung

Warum stehen seit Jahren die Feuerwehrleute, Piloten und Pflegefachkräfte mit über 90 Prozent Zustimmung an der Spitze der vertrauenswürdigen Berufe? Der christliche Glaube habe heute an existenzieller Bedeutung eingebüsst, erklärt Thomas Schaufelberger. «Wenn man jedes Jahr zweimal fliegt, erlebt man, wie wichtig es ist, dass man sich auf den Piloten verlassen kann.» Flüge, Spitalaufenthalte und Brände beträfen viele direkter als der gelegentliche Kontakt mit einem Pfarrer oder einer Pfarrerin.

Interessant ist, dass die Pfarrpersonen jeweils höhere Werte erzielen als die Institution Kirche. Ihr vertrauen aktuell nur 39 Prozent der Befragten. Das überrascht Thomas Schaufelberger nicht. «Wir leben in einer Zeit des wachsenden Unbehagens gegenüber Institutionen. Das ist ein gesellschaftlicher Trend.» Die Diskrepanz zwischen dem Vertrauen in die Institution Kirche und in ihre Repräsentanten wertet der Pfarrer aber nicht negativ. Er sieht dies vielmehr als Beweis, «dass die Kirche den richtigen Ansatz verfolgt, indem sie auf Menschen setzt»: «Nicht das Vertrauen in eine abstrakte Institution ist entscheidend, sondern die vertrauenswürdige Beziehung zu ihren Repräsentanten. Das sind neben den Pfarrpersonen auch Sozialdiakoninnen, Sozialdiakone und Freiwillige.»

 

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».
Karin Müller / kirchenbote-online.ch